Naturschutz contra Bergsport: Alpenverein sucht nach Kompromissen

epd-bild/Thomas Lohnes Seit seiner Gründung vor 150 Jahren beschäftigt sich der Deutsche Alpenverein mit Tourismus und Umwelt. Oft streiten sich Naturschützer mit Trend-Bergsportlern. Aktuelles Beispiel: E-Bike-Ladestationen auf Hütten.

09.05.2019

Grandiose Ausblicke, nahezu unberührte Natur und ein kühles Getränk auf einer urigen Berghütte: Die Alpen sind Traumziel vieler Urlauber. Fast 99 Millionen Übernachtungen verzeichnete die bayerische Tourismuswirtschaft im Jahr 2018 offiziellen Angaben zufolge, fünf Prozent mehr als im Jahr davor. Mehr als die Hälfte davon entfiel auf die alpennahen Regionen Allgäu/Bayerisch-Schwaben und Allgäu.

Wer jedoch schon einmal an einem Sommertag im Oberallgäu im Stau stand oder auf der Terrasse einer oberbayerischen Berghütte keinen Sitzplatz mehr gefunden hat, wird sich fragen: Wie unberührt kann der Trend zum Bergurlaub den Sehnsuchtsort Alpen überhaupt zurücklassen? Im Zentrum dieser Problematik steht der Deutsche Alpenverein (DAV), der am 9. Mai sein 150-jähriges Bestehen feiert. Der Verein vertritt die Interessen von rund 1,3 Millionen Mitgliedern, die die Alpen für Bergsport aller Art nutzen wollen. Und er ist zugleich seit 2005 anerkannter Naturschutzverband.

Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Tourismus

Der Tourismusforscher und Wirtschaftsgeograf Jürgen Schmude bezeichnet die Rolle des DAV im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Tourismus knapp als "ambivalent". "Der Alpenverein tritt zum Beispiel im Skitourismus selbst als Veranstalter auf und unterstützt die touristische Entwicklung", sagt der Professor der Ludwig-Maximilians-Universität München dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Zugleich hat er aber auch seinen Landschaftsschutzauftrag."

Ob der Naturschutz immer stark genug zum Tragen kommt, ist auch im DAV umstritten. Es gebe im Verband "Tendenzen in Richtung eines Übergewichts des Sports", findet etwa Peter Dill, stellvertretender Vorsitzende der DAV-Sektion München. Deshalb will sich die größte Sektion des DAV laut Dill an die Spitze setzen, wenn es um die Rücksichtnahme auf die Umwelt geht.

Entscheidung zum E-Bike

Das tut sie mit Signalentscheidungen: Im April verboten die Münchner den Gepäcktransport auf ihre Schutzhütten - auch wenn begründete Ausnahmen weiterhin möglich sind. Und schon im Frühjahr 2018 hatten die Münchner eine Entscheidung zum E-Bike getroffen, einem Thema, an dem sich der Streit um Sport und Naturschutz derzeit exemplarisch zeigt: Die Münchner DAV-Aktiven verbannten Ladestationen für E-Bikes von ihren Hütten.

Zuvor habe man nach einem Ausgleich gesucht zwischen "eher fundamentalistischen" Naturschützern, Vertretern des Bergsteiger-Ethos, aus eigener Kraft ans Ziel zu kommen, und den Interessen älterer Mitglieder, die nur dank E-Bike auf zwei Rädern ins Gebirge gelangen können. Der Verbot der Ladestationen war ein Kompromiss, auf weitere Maßnahmen gegen E-Bikes wurde verzichtet. Im Herbst appellierte auch die DAV-Hauptversammlung an die Sektionen, auf ihren Hütten keine Ladestationen für die Räder anzubieten.

Wichtig sei Information und Bildung

Benjamin Trotter betreut beim DAV das Projekt "Bergsport Mountainbike - nachhaltig in die Zukunft". "Das ist eine sehr emotional geführte Debatte", sagt er. Die Hauptsorge sei, dass die Zahl der Mountainbiker in den Alpen zunehme - aktuell seien rund 40 Prozent der 1,3 Millionen DAV-Mitglieder auch auf dem Mountainbike aktiv. Hinzu kommt die Befürchtung, dass mehr Menschen in ökologisch sensible Bereiche vordrängen.

Trotters Aufgabe ist es, zwischen Sportlern, Naturschützern, Jägern und Forstbetrieben zu vermitteln. Auf Verbote will der Verband aber nicht setzen. Wichtig sei Information und Bildung. "Wenn da bloß ein Verbotsschild hängt, dann fahren viele Menschen dort erst recht", sagt er. Beachte man wichtige Regeln - etwa den Verzicht auf Fahrten in der Nacht oder auf blockierende Reifen auf Waldwegen - dann sei "natur- und sozialverträgliches" Mountainbiken möglich.

Neue Tourismus-Konzepte

Tourismusexperte Schmude sieht unterdessen die Lage in den Alpen sogar vergleichsweise entspannt. "Overtourism", die Überbelastung von Regionen durch großen Touristenzustrom, gebe es im Gebirge zwar - doch handle es sich um "punktuelle" und "temporäre" Phänomene.

Allerdings sieht der Forscher für die kommenden Jahre "große Aufgaben", die auch den DAV betreffen dürften. Dabei geht es um die Nachhaltigkeit im Tourismus. Und um den Klimawandel: Gerade in den bayerischen Alpen werde der Wintersport auf lange Sicht wohl keine große Zukunft haben - dann müssten neue Tourismus-Konzepte her, sagt Schmude. Neue Hütten an neuen Standorten aber errichten die DAV-Sektionen nicht mehr - aus Rücksicht auf die Natur.