Ethikrat fordert Moratorium für Eingriffe ins menschliche Erbgut

epd-bild/Peter Roggenthin Mukoviszidose vermeiden, Malaria ausrotten, Brustkrebs-Risiko senken: Die Heilsversprechen der Verfahren zur Gen-Veränderung sind groß. Ihre Erforschung steht aber noch am Anfang. Der Ethikrat warnt daher vor Experimenten mit dem Erbgut von Menschen.

09.05.2019

Knapp ein halbes Jahr nach Berichten über die Geburt Gen-veränderter Zwillinge in China hat der Deutsche Ethikrat eine Stellungnahme zu Eingriffen in die menschliche Keimbahn vorgelegt. Das nationale Gremium, das Bundesregierung und Bundestag berät, lehnt Experimente wie den des Forschers He Jiankui, dessen Versuch nach wie vor nicht veröffentlich ist, ab. Wegen ihrer unabsehbaren Risiken seien solche Eingriffe derzeit ethisch unverantwortlich, heißt es in einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Stellungnahme des Ethikrats.

Die Experten sind sich dabei aber auch einig, dass sie solche Eingriffe nicht grundsätzlich und für alle Zeit ausschließen. Die menschliche Keimbahn sei nicht unantastbar, heißt es in der ersten von insgesamt sieben einstimmig beschlossenen Empfehlungen des Ethikrats. Wegen der derzeit nicht absehbaren Risiken wird darin aber ein internationales Moratorium gefordert. Wissenschaftler wie He würden dann eine "rote Linie" überschreiten, wie es die Medizin-Ethikerin Alena Buyx, die die Arbeitsgruppe im Ethikrat leitete, formulierte. Sie stünden dann außerhalb eines Konsenses über Forschungsstandards.

Veränderung der DNA in Lebewesen

Hintergrund der Stellungnahme des Ethikrats sind die noch recht jungen Entdeckungen im Bereich des sogenannten "Genome Editing". Mit dem Verfahren lässt sich die DNA in Lebewesen verändern, präzise und im Vergleich zu früheren Verfahren einfacher und kostengünstiger. Forscher hoffen durch die neuen Methoden auf Fortschritte bei der Vermeidung schwerer Erbkrankheiten wie Mukoviszidose oder gegen Krankheiten wie Malaria oder Aids.

Die bisherigen Verfahren gelten nach mehrheitlicher Auffassung noch nicht als präzise und sicher genug, um die Anwendung beim Menschen zu rechtfertigen. Sie sind zudem ethisch umstritten, weil der Eingriff tiefgreifend ist: Veränderungen in der Keimbahn würden an die nächste Generation weitervererbt, also dauerhaft festgeschrieben. Mehrfach hatten daher auch Wissenschaftler selbst in den vergangenen Jahren ein Moratorium für Eingriffe, die das menschliche Erbgut verändern, gefordert. Ein entsprechendes Abkommen gibt es aber bis heute nicht.

Labyrinth mit Wegmarken

Der Ethikrat forderte nun Bundesregierung und Bundestag erneut dazu auf, sich für eine Debatte darüber einzusetzen. Dabei schlägt er vor, nicht nur eine reine Nutzen-Risiko-Analyse zu führen, sondern Grundwerte wie Menschenwürde, Wohltätigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung zum Maßstab von Entscheidungen zu machen. Zudem fordert er zu berücksichtigen, zu welchem Zweck solche Eingriffe erfolgen sollen: für die Forschung, die Vermeidung genetisch bedingter Krankheiten oder für "Verbesserungen" des Menschen.

Der Stellungnahme beigefügt hat der Ethikrat erstmals einen sogenannten Entscheidungsbaum, eine Art Labyrinth mit Wegmarken an ethisch umstrittenen Fragen, deren Beantwortung mit "Ja" oder "Nein" zur Entscheidung über Erbgut-Eingriffe führen kann. An dieser Grafik endete aber auch im Ethikrat die Einhelligkeit. Das Spektrum weltanschaulicher Überzeugungen sei groß, die Debatte daher intensiv, sagte Buyx.

Chancen für die Vermeidung schwerer Erbkrankheiten

Keine Einstimmigkeit gibt es nach ihren Worten beispielsweise für die Frage, ob auch in Deutschland Forschung an Embryonen möglich sein sollte. Der Ethikrat legt in seiner Stellungnahme nahe, dass die Möglichkeiten der sogenannten Genom-Chirurgie für eine klinische Anwendung am Menschen weiter erforscht werden sollten, weil sie Chancen für die Vermeidung schwerer Erbkrankheiten bergen können. In Deutschland ist dies durch das strenge Embryonenschutzgesetz aber nicht möglich.

Eine Mehrheit im Gremium sei dafür, dies möglich zu machen, sagte Buyx. Forderungen nach einer Öffnung der Forschungsmöglichkeiten zumindest an "verwaisten", also an bei künstlichen Befruchtungen übrig gebliebenen Embryonen, hatte es zuletzt auch von der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina gegeben.

Nach Auffassung des Ethikrats-Vorsitzenden Peter Dabrock zeigt die kontroverse Debatte innerhalb des Ethikrats, wie wichtig die Debatte in der Gesellschaft ist. Mit den Möglichkeiten des "Genome Editing" passiere etwas Grundlegendes. Mit der Möglichkeit zu Eingriffen in die Keimbahn könne die Menschheit an einer neuen Schwelle stehen, sagte der evangelische Theologe. Die Debatte müsse dringend geführt werden, um sich nicht hinterher zu wundern, wenn erfolgte Eingriffe nicht mehr rückgängig gemacht werden können.