Högel-Prozess: Die Zeugen und ihre Erinnerungen

epd-bild/Julian Stratenschulte/dpa-Pool Der vermutlich größte Mordprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte nähert sich seinem Ende. Nach den zum Teil sich widersprechenden Zeugenaussagen muss das Gericht urteilen, ob Niels Högel wirklich aus Geltungssucht 100 Menschen ermordet hat.

15.05.2019

Im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel wird am Donnerstag Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann ihr Plädoyer für die Anklage halten. Dabei wird sie auf die zahlreichen Zeugen Bezug nehmen, die im Laufe der bisher 20 Prozesstage auf sehr unterschiedliche Weise von ihrem Kollegen berichteten. Am 6. Juni soll das Urteil verkündet werden. (AZ: 5Ks 1/18)

Laut Anklageschrift soll Högel in den Jahren 2000 bis 2005 in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst 100 Patienten mit Medikamenten zu Tode gespritzt haben. Anschließend versuchte er, sie wiederzubeleben, um als rettender Held dazustehen und von den Kollegen Anerkennung und Respekt zu erlangen. Högel verbüßt wegen weiterer Taten bereits eine lebenslange Haftstrafe.

Große Verunsicherung der Zeugen

Die Wahrheitsfindung ist schwierig: Auffällig war im Prozessverlauf das sehr unterschiedliche Erinnerungsvermögen der Kollegen aus Delmenhorst und Oldenburg. Vor allem viele der Oldenburger Pflegekräfte und Ärzte beriefen sich auf Erinnerungslücken. Fast alle von ihnen waren mit einem von ihrem Arbeitgeber bezahlten Rechtsbeistand gekommen. Etliche Kollegen schilderten Högel lediglich als kompetenten und lebensfrohen Menschen. An frühere Aussagen bei der Polizei konnten sie sich nicht mehr erinnern, auch nicht, nachdem ihnen diese nochmals vorgelesen wurden.

Für Prozessbeobachter war die große Verunsicherung der Zeugen geradezu spürbar. Nach und nach wurde deutlich, dass etliche von ihnen zumindest ahnten oder befürchteten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zuging. Spitznamen wie "Sensen-Högel", "Pechvogel" oder "Rettungs-Rambo" waren auf den Stationen geläufig. Pfleger und Schwestern ermahnten sich gegenseitig, auf die Patienten aufzupassen. Ein Stationsleiter führte eine Strichliste mit Reanimationen, die einsam von Högel angeführt wurde.

"Da habe ich geschwiegen"

Doch wer seine Bedenken an Vorgesetzte weitergab, bekam Ärger. Eine Krankenschwester berichtete, wie sie ihrem Chef ihren Verdacht meldete: Doch der habe sie zurechtgewiesen und gefragt, ob sie noch den Belastungen auf einer Intensivstation gewachsen sei. Eine Kollegin, der sie sich anvertraute, habe sie vor einem Rufmord gewarnt: "Da habe ich geschwiegen."

Eine weitere Kollegin Högels erstarrte im Zeugenstand fast vor Angst. Sie wand sich, verstrickte sich in Widersprüche. Erst freundlich, dann immer strenger werdend ermahnte sie Richter Sebastian Bührmann zu "wahrhaftigen Aussagen". Schließlich forderte er die Frau auf, ihre Hand zum Eid zu erheben. Eine Falschaussage unter Eid kann mit mehreren Jahren Gefängnis bestraft werden.

Unter Tränen bat die Frau, nicht vereidigt zu werden. Sie habe furchtbare Angst, für die Taten Högels mitverantwortlich gemacht zu werden. Von heute aus betrachtet, stelle sich die damalige Situation ganz anders dar als damals. Sie wisse nicht, was sie sagen oder nicht sagen dürfe. Bührmann verzichtete daraufhin auf die Vereidigung. "Ich sehe, dass Sie am Rande dessen sind, was Sie körperlich und gesundheitlich ertragen können", sagte er.

Meineid-Verfahren gegen acht Ärzte und Pflegekräfte

Andere Zeugen vereidigte der Richter, weil er ihren Aussagen nicht glaubte. Gegen acht Ärzte und Pflegekräfte leitete die Staatsanwaltschaft ein Meineid-Verfahren ein.

Für mehr Klarheit hätten vor allem der Stationsleiter, der Chefarzt, die Pflegedirektorin und der damalige Geschäftsführer des Oldenburger Klinikums sorgen können. Doch sie verweigerten die Aussage, um sich nicht selbst zu belasten. Gegen vier leitende Mitarbeiter aus Delmenhorst wurde bereits Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen erhoben, gegen weitere Vorgesetzte aus Oldenburg ermittelt die Staatsanwaltschaft noch. Bei einem Schuldspruch drohen ihnen bis zu fünf Jahre Haft.

Högel selbst verfolgte die Zeugenvernehmungen scheinbar emotionslos. Zu Beginn des Prozesses räumte er 43 Mal den Mordvorwurf ein. Fünfmal wies er die Anschuldigungen zurück. 52 Mal sagte er aus, er könne sich nicht an den Patienten erinnern, "aber ich will nicht ausschließen, dass ich da manipuliert habe". Diesen Zusatz vergaß er nie.