Paris erlebt eine grüne Revolution

epd-bild/Caroline Paux In der französischen Hauptstadt ist eine bemerkenswerte Verwandlung im Gange: Fassaden werden begrünt, Bäume gepflanzt, Brachflächen zu Gärten gemacht. Das hilft dem Stadtklima - und den Bewohnern.

08.07.2019

Die Fassaden des Pariser Musée du Quai Branly erregten bei der Einweihung 2006 noch Aufsehen: Erstmals wurden die Mauern eines öffentlichen Gebäudes begrünt. Mittlerweile setzt sich in ganz Paris das Grün durch. Bis zum nächsten Jahr sollen mehr als 100 Hektar auf Dächern, an Fassaden und Mauern bepflanzt sein, bis 2024 rund 54 Hektar städtische Fläche. So steht es im "Begrünungsprogramm" des Pariser Rathauses, das seit 2014 läuft.

Die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo kündigte im Juni in einem Interview zudem vier "städtische Wälder" an: hinter der Oper, vor dem Rathaus und dem Bahnhof "Gare de Lyon" sowie auf der einstigen Schnellstrasse an der Seine, die bereits für Autos geschlossen und zur Fußgänger- und Radfahrerzone gemacht wurde.

Die Städte müssten sich dem Klimawandel anpassen, erklärte sie. Die Experten vom Weltklimarat sähen in Städten Hitzewellen mit Temperaturen von bis zu 50 Grad bis 2050 voraus. In Betonschluchten steht die Hitze. Mehr Grün in den Städten bedeutet Schatten und Kühlung durch Verdunstung. Pflanzen binden Staub und Kohlendioxid. Und sie tun den Menschen gut.

Beim Pflanzen und Gießen ins Gespräch kommen

Rund 15.000 zusätzliche Bäume wurden seit 2014 in Paris gepflanzt, überall sind Umbauarbeiten im Gange. Zum Beispiel am Platz Marc Bloch: Hier war eine graue Betonfläche, auf der höchstens Jugendliche Ball spielten oder rauchend lärmten. Die Anwohner forderten Polizei und Überwachungskameras. Franck Passavant, der an dem Platz wohnt, hatte eine andere Idee: Er wollte den Platz bepflanzen, damit er wieder den Menschen gehört: "Ich fand, diese große Zementplatte, im Winter sehr kalt, im Sommer sehr heiß, eignete sich bestens dafür", sagt der 54-Jährige.

Die Arrondissementverwaltung stellte über einen Meter hohe Pflanzentöpfe auf, und Franck Passavant begann ein zweites Leben als Gärtner. Auf dem Platz kommen heute die Kinder des benachbarten Kindergartens mit Jugendlichen und alten Menschen beim Pflanzen und Gießen ins Gespräch. Forderungen nach mehr Polizeipräsenz sind verstummt.

Pionier in Sachen Stadtbegrünung

Das 20. Arrondissement im Nordosten von Paris war Pionier in Sachen Stadtbegrünung: Das Gelände rund um mehrere Schulen, das Konservatorium und Sozialwohnungen wurde bepflanzt. Hier steht das Collège Pierre Mendes France - es gilt als eine der schwierigsten Hauptschulen von Paris, eingequetscht zwischen der Ringautobahn und den Boulevards am Stadtrand. Ein Umweltverein pflanzte Obst und Gemüse, Bäume und Blumen auf dem Brachland, das zur Schule gehörte.

Schüler und Anrainer pflegen die Fläche und ernten die Früchte. Wenn Schüler eine Strafe bekommen, dürfen sie nun im Gewächshaus arbeiten oder sich um die Hühner im Stall kümmern, unter der Aufsicht von Zivildienstleistenden des Vereins "Veni Verdi".

"Sie empfinden es manchmal als sozialen Abstieg, wenn sie im Garten arbeiten müssen", erklärt Nadine Laoud, die Vorsitzende des Vereins: "Ihre Eltern waren Bauern, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind." Aber oft kämen die Kids danach freiwillig zurück, erzählt die dunkelhaarige Französin, die seit 2010 in Paris Gemüsegärten anlegt. Stolz führt die Frau in Gummistiefeln ins Gewächshaus neben den Schulgebäuden, das Schüler gebaut haben. Keimlinge sprießen in Töpfen jeder Größe. Sie werden von den Kindern in Eigenregie in Beete eingepflanzt, die auf den Grünflächen der Schule blühen.

Bienenkästen gehören mittlerweile zum Stadtbild

In ganz Paris entstehen landwirtschaftlich genutzte Flächen, 30 Hektar sollen es insgesamt werden. Das ist zwar nur ein winziger Teil von den 10.540 Hektar (105,4 Quadratkilometer), die Paris misst. Aber Äcker und Gärten im Herzen der 2,2-Millionen-Einwohnerstadt zu schaffen, ist eine innovative Politik. Das fängt ganz klein an: Um die Bäume auf Bürgersteigen und Plätzen entstehen Gärtchen mit Sonnenblumen, Pfingstrosen und Fuchsien, mit Brennnesseln und Basilikum. Wein-, Gemüse- und Obstgärten, Bienenkästen und Hühnerställe gehören mittlerweile zum Stadtbild.

Zu den Neuerungen zählt auch die Permakultur, ein alternatives und nachhaltiges Konzept für Landwirtschaft und Gartenbau, bei dem die Natur die Regie übernimmt. Das Pariser Rathaus hat eine Ausbildung ins Leben gerufen, bei der diese ökologische Anbauart gelernt und praktisch umgesetzt werden kann.

Doch Nicht-Experten sind genauso gefragt: Seit 2014 bekommen Pariserinnen und Pariser bei der Stadt auf Antrag einen "Schein zur Begrünung" - rund 1.500 solcher "Erlaubnisse einer zeitlich begrenzten Besetzung öffentlicher Flächen" wurden bereits ausgestellt. Die Gärtner verpflichten sich, eine "Begrünungs-Charta" zu respektieren: Die Ernte muss mit anderen Hobbygärtnern geteilt werden, lokale Pflanzenarten sollen die Artenvielfalt erhalten, Pestizide sind verboten. Auf Wunsch verteilt das Pariser Rathaus sogar "Pflanz-Sets" mit Mutterboden und Saatgut - damit jeder an der grünen Revolution teilhaben kann.