Als «rollender Hausmeister» in einen festen Job

epd-bild/Norbert Neetz Seit Januar können Unternehmen hohe Lohnkostenzuschüsse bekommen, wenn sie seit Jahren arbeitslose Personen einstellen. Der Start dieses sozialen Arbeitsmarktes verläuft zögerlich. Doch über 10.000 neue Stellen gibt es bereits.

08.07.2019

Larry Belt (46) hat eine dicke Akte beim Jobcenter Frankfurt am Main. Er kennt das Amt seit Jahren, und es kennt ihn. Sicher ein Vorteil für den einstigen Ein-Euro-Jobber, der es jetzt zu einer sozialversicherungspflichtigen Stelle gebracht hat - ermöglicht durch das "Teilhabechancengesetz". Belt ist eine von bundesweit über 10.000 Personen, die seit Jahresbeginn im sozialen Arbeitsmarkt einen Job gefunden haben. Bis zu 150.000 sollen es einst sein.

Das Bundesarbeitsministerium spricht von einem "zufriedenstellenden Start" seiner Reform der Arbeitsmarktpolitik. "Bei neuen Instrumenten ist eine gewisse Anlaufzeit erforderlich", sagte eine Sprecherin. Es werde noch eine Weile dauern, bis sich der soziale Arbeitsmarkt richtig etabliert habe: "Noch ist es zu früh, die Teilnehmerzahlen der neuen Instrumente zu bewerten."

Stellen im Verkauf, in der Logistik und in der Gastronomie

Sie verwies auf die neuesten Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA). Demnach gab es bis zum April bisher bundesweit über 10.000 Eintritte, bis Ende März waren es rund 7.000. In Nordrhein-Westfalen hat die Landesarbeitsagentur 3.500 Stellen gezählt, 1.100 mehr als noch im Monat zuvor.

Larry Belt ist angestellt beim Stadtteilservice "ffmtipptopp", einem Betrieb der "SFG- Servicegesellschaft für Frankfurt und Grüngürtel gGmbH", die ihn als "rollenden Hausmeister" einsetzt. Eine Art Task Force, die unkompliziert in Ordnung bringt, was im Stadtbild die Augen beleidigt. "Ich bin gern hier", sagte Belt dem Arbeitgebermagazin des Jobcenters. Er kennt den Betrieb seit Jahren von vorherigen Ein-Euro-Jobs. Jetzt will er die Arbeitslosigkeit für immer hinter sich lassen.

Im Jobcenter Frankfurt waren bis zum Mai rund 40 Personen in der neuen Förderung. "Für weitere rund 30 Personen läuft das Antragsverfahren." Stellen konnten zum Beispiel im Verkauf, in der Logistik, in der Gastronomie und in Büros geschaffen werden. Man sei "zuversichtlich, dass mit dem weiteren Bekanntwerden der Fördermöglichkeiten das Interesse weiter steigt", sagte eine Sprecherin.

Schwieriger Start des Programmes

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) spricht von einem schwierigen Start des Programmes. "Es ist nicht einfach, bei privaten Unternehmen geeignete Beschäftigungsverhältnisse zu finden", hieß es auf Anfrage. Die Jobcenter müssten selbst aktiv werden und zuhauf Unternehmen finden, die passende Jobs zu bieten hätten. "Man kann nicht einfach eine Person, die viele Jahre ohne Arbeit war, ans Fließband stellen. Das funktioniert nicht. Und das wissen auch viele Arbeitgeber."

Zudem kritisiert der DGB, dass von rund 15.200 Teilnehmern, die zuvor bereits mit Erfolg in das ehemalige Bundesprogramm "Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt" integriert waren, nur wenige in den sozialen Arbeitsmarkt übernommen wurden.

Franz Frey, Geschäftsführer des Beschäftigungsträger BIWAG, und langjähriger Kooperationspartner des Jobcenters Frankfurt, der bereits viele Beschäftigungsprojekte realisiert hat, verweist auf eine schwierige Klientel. Viele Arbeitsuchende hätten "multiple Vermittlungshemmnisse", seien körperlich nicht voll belastbar, psychisch instabil oder hätten Suchtprobleme. Deshalb sei das Coaching unverzichtbar.

"Gewerbliche Firmen sind noch zurückhaltend"

Beate Müller-Gemmecke, Arbeitsmarktexpertin der Grünen, sagte, das Gesetz erfülle viele Forderungen, die die Grünen seit Jahren erhoben hätten. Kritisch bewertete sie einige Details im Gesetz. Etwa, dass die Förderung nach fünf Jahren endet: "Wir hätten uns gewünscht, dass die Zuschüsse dauerhaft fließen."

Die Expertin gab zudem die Kritik vieler Beschäftigungsträger wieder. Sie nehmen Anstoß daran, dass das Jobcoaching per Ausschreibung an andere Anbieter vergeben werden muss: "Das passt nicht zusammen." Die Beschäftigungsträger hätten oft selbst qualifizierte Sozial-Pädagogen zur Begleitung. "Die Träger, die es fachlich können, sollten das Coaching auch selbst machen können."

Laut Paritätischem Wohlfahrtsverband sind es vor allem die gemeinnützigen Dienste, Beschäftigungsträger und die Kommunen, die Stellen im sozialen Arbeitsmarkt anböten. Hier bestehe traditionell eine größere Offenheit, benachteiligten Menschen eine neue Chance zu geben. "Gewerbliche Firmen sind noch zurückhaltend", sagte Arbeitsmarktexpertin Tina Hofmann dem epd. Hier brauche es dringend "mehr Dynamik".