Was wäre wenn?

epd-bild/Universal Pictures Hi-Hi-Hilfe - die Beatles hat es nie gegeben! Danny Boyles pfiffiges Gedankenexperiment "Yesterday" feiert die unvergessliche Musik der Fab Four.

11.07.2019

Die Prämisse hätte auch für eine "Twilight"-Episode getaugt oder für einen Blick in den "Black Mirror": Ein fantastisches, unerklärliches Ereignis katapultiert einen Menschen aus seiner gewohnten Welt in ein Paralleluniversum, in dem die Geschichte einen anderen Verlauf genommen hat. Und der Protagonist ist der Einzige, der sich an die alte Realität erinnert. Abgründige Alternativszenarien haben die Schöpfer von "Yesterday" aber nicht im Sinn. Sie setzen auf die komödiantische Komponente und konstruieren stattdessen ein federleichtes Was-wäre-wenn-Popmärchen.

Was also, wenn es die Beatles nie gegeben hätte? Wenn keiner sich an die Hits der Fab Four erinnern könnte - außer einem unbekannten Singer/Songwriter, der seine Kompositionen grundsätzlich vor leeren Rängen zum Besten gibt? Daraus müssten sich doch zahllose kuriose, witzige, bewegende und mitreißende Momente kreieren lassen. Und auf genau die haben es Regisseur Danny Boyle ("Trainspotting", "Slumdog Millionaire") und Drehbuchautor Richard Curtis ("Vier Hochzeiten und ein Todesfall", "Notting Hill") abgesehen: auf den Clash von Welthits und Erfolglosigkeit, von Vertrautheit und Ignoranz, von Sixties-Rock und digitaler Ära.

Geklauter Ruhm und unverdiente Ehren

Bei einem zwölf-sekündigen weltweiten Stromausfall, dessen Umstände der Film nicht weiter thematisiert, wird Jack Malik (Himesh Patel) von einem Bus angefahren. Danach vermisst der sympathische Loser zwar zwei Schneidezähne, besitzt aber als (beinah) einziger Mensch die Erinnerung an die vielleicht wichtigste Band aller Zeiten. Und als er beim Klimpern von "Yesterday" merkt, dass seine Freunde den Song noch nie gehört haben, und die Google-Recherche bei den Stichworten "Beatles" und "John & Paul" nur Käfer und Päpste anzeigt, wittert er die Chance, mit den alten Hits vielleicht doch noch groß rauszukommen.

Sehr sorgfältig dekliniert "Yesterday" die Umsetzung dieses Plans durch - von "Let It Be" auf dem elterlichen Piano über die ersten Achtungserfolge bei lokalen Auftritten bis zum Ritterschlag durch Ed Sheeran, der sich hier sanft und selbstironisch selbst spielt, sich den Neuling ins Vorprogramm holt und bald anerkennen muss, nur der Salieri neben Jacks Mozart zu sein.

Schon ruft das Business in Form der zynischen Managerin Debra (Kate McKinnon) - und mit ihr die ersten moralischen Herausforderungen. Nebenbei nimmt der Film die Musikindustrie aufs Korn, bleibt im Grunde aber stets bei der Frage, wohin geklauter Ruhm und unverdiente Ehren den Helden am Ende eigentlich führen sollen. Wenn er im heimischen Suffolk dann eine unerwartet drängende Version von "Help" spielt, bekommt der Song folgerichtig ganz neue Bedeutung.

Einige gefühlvolle und intensive Momente

Boyle und Curtis hätten sich noch mehr auf das Musikthema fokussieren und, beispielsweise, ergründen können, wie sich das Fehlen der Beatles tatsächlich auf unsere Popkultur ausgewirkt hätte. In der zweiten Hälfte liegt der Schwerpunkt mehr auf einer Love Story, die stark an Curtis' romantische Komödien erinnert. Jack wird da quasi zum tapsigen Hugh Grant, der einfach keinen Weg zu seiner lebenslangen besten Freundin und Managerin Ellie (Lily James) findet, obwohl deren Zuneigung doch vom ersten Moment an offensichtlich ist.

Immerhin ringen Newcomer Patel und die immer grandiose James der Standard-Handlung einige gefühlvolle und intensive Momente ab. Und am Ende, wenn Ed Sheeran (im Three-Lions-Trikot) und Jack das vollbesetzte Wembley-Stadion rocken, erinnert uns Yesterday noch einmal mit Witz und Esprit an die großen Errungenschaften der Britishness, die bald in Vergessenheit geraten könnten.