Weniger Suizide in Deutschland

epd-bild / Rolf Zöllner Viele Menschen nehmen sich das Leben, weil sie keinen Ausweg aus einer Krise sehen. Gesundheitsexperten setzen deshalb auf Aufklärung. Am 10. September ist Welttag der Suizidprävention.

04.09.2019

Die Zahl der Suizide in Deutschland ist in den vergangenen Jahren weiter zurückgegangen. 2017 nahmen sich 9.241 Menschen das Leben. Darunter waren rund drei Viertel Männer (6.990), wie das Nationale Suizidpräventionsprogramm (NaSpro) und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention am Mittwoch in Berlin mitteilten. Damit seien die absoluten Zahlen im dritten Jahr in Folge rückläufig.

Zugleich sei es die niedrigste Anzahl der in Deutschland erhobenen Suizide seit deren Höchststand im Jahr 1981 (18.825), hieß es weiter. Die Suizidrate sank demnach in dem Zeitraum von 24 auf 11,2 pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017.

Dennoch seien die Zahlen weiterhin alarmierend, sagte die Sprecherin des Präventionsprogramms, Hannah Müller-Pein. Verglichen mit anderen Todesursachen würden in jedem Jahr mehr Menschen durch Suizid sterben als durch Verkehrsunfälle (2017: 3.180), Gewalttaten (2017: 731) und illegale Drogen (2017: 1.272) zusammen.

Prognose für die nächsten Jahre schwer möglich

Eine einfache Erklärung für die sinkenden Suizidzahlen gebe es nicht, sagte Müller-Pein. Auch eine Prognose für die nächsten Jahre wäre gewagt. Die Häufigkeit von Suiziden unterliege vielfältigen Einflüssen. Dazu gehöre etwa die demografische Entwicklung, die Entwicklung des Arbeitsmarktes, des Gesundheitswesens und präventiver Maßnahmen. Auch Verluste könnten zu einer Zuspitzung der suizidalen Krise führen, sagte Müller-Pein.

Die Leiterin des Präventionsprogramms, Barbara Schneider, erklärte, Entschlüsse zur Selbsttötung würden oft in einer sehr kurzen Zeit gefasst. Zugleich warnte sie vor hartnäckigen Vorurteilen. Dazu gehöre etwa: "Wer von Suizid redet, wird sich nicht das Leben nehmen" oder wer das Thema anspreche, löse einen Suizid erst aus. "Die meisten Betroffenen sind froh, dass sie angesprochen werden", betonte die Kölner Psychiatrieprofessorin.

Ihr Ko-Leiter des Präventionsprogramms, der Kasseler Medizinprofessor Reinhard Lindner, warnte vor einer Stigmatisierung psychischer Erkrankungen. Dies erschwere auch suizidalen Menschen die Suche nach Hilfe und Unterstützung.

Appell an Medien

Katja Rauchfuß von jugendschutz.net forderte die Medien zu einer zurückhaltenden Berichterstattung über Suizide auf. Weiter verwies sie auf Gefahren und Risiken in Internetdiensten für Jugendliche. Inhalte, die früher in sogenannten Pro-Suizidforen zu finden waren, gebe es heute auf zahlreichen populären Social-Media-Plattformen.

Rauchfuß plädierte dafür, Portale, "die prosuizidale Inhalte verbreiten, also beispielweise Methoden und Orte nennen und beschreiben oder Möglichkeiten bereitstellen, sich zum Suizid zu verabreden, sollten nicht erwähnt werden". Zu groß sei die Gefahr, dass insbesondere junge Menschen in suizidalen Krisen dadurch erst davon erfahren. Auch sollte vermieden werden, über Hintergründe, Auslöser und Motive eines individuellen Falles zu berichten oder zu mutmaßen. Diese Art von Berichten ermögliche eine Identifikation mit Problemen und Umständen der Person, die sich getötet hat.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht weltweit von jährlich 800.000 Suiziden aus. Schätzungsweise kämen auf jeden Suizid etwa 10is 20 Suizidversuche. Von einem Suizid sind laut WHO bis zu 135 Angehörige betroffen. Die Zahlen für Deutschland beruhen auf der Gesundheitsberichterstattung des Bundes.

Zum Welttag der Suizidprävention am 10. September sind bundesweit mehrere Aktionen geplant. Die zentrale Veranstaltung ist ein ökumenischer Gottesdienst zum Gedenken an Suizidtote in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.