Textilien mit «Grünem Knopf» ab sofort erhältlich

epd-bild/Christian Ditsch Der Einsturz eines Fabrikgebäudes in Bangladesch offenbarte 2013 die dramatischen Arbeitsbedingungen in der Textilbranche. Das staatliche Siegel "Grüner Knopf" ist eine Konsequenz daraus und soll Verbrauchern Orientierung geben. Es gibt viel Kritik.

09.09.2019

Erstmals gewährleistet ein staatliches deutsches Gütesiegel die sozial- und umweltverträgliche Produktion von Kleidung, Bettwäsche und anderen Textilien. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) stellte den "Grünen Knopf" am Montag in Berlin vor. "Es geht um Menschlichkeit in einer globalen Welt", sagte er. Menschenrechtsorganisationen und Umweltschützer äußerten jedoch scharfe Kritik.

Müller betonte, im Textilbereich gebe es eine der vielen Lieferketten, die in Entwicklungsländern anfingen und in deutschen Kaufhäusern endeten. Die Menschen arbeiteten dabei zum Teil wie Sklaven auf Plantagen und in Fabriken. Der Minister verwies auf den Einsturz des Fabrikhochhauses Rana Plaza im April 2013 in Bangladesch, bei dem mehr als 1.100 Beschäftigte von Textilfirmen getötet wurden. Der Wille, diese Bedingungen zu ändern, habe ihn angetrieben, den "Grünen Knopf" voranzubringen.

70 Unternehmen haben bislang Intersse an dem Siegel

70 Unternehmen haben laut Ministerium bislang ihr Interesse an dem Siegel bekundet. 27 von ihnen können ab sofort Produkte verkaufen, die damit ausgezeichnet sind. Dazu gehören die Discounter Aldi und Lidl, die Firmen Hess Natur und Vaude sowie Rewe und Tchibo. Im Prüfprozess sind unter anderem Hugo Boss und die Otto-Group. Die Einführungsphase ist daher bis Ende Juni 2021 vorgesehen.

Minister Müller forderte, dass der "Grüne Knopf" auch bei der öffentlichen Beschaffung zum Maßstab werden müsse, indem die Bundeswehr, die Polizei und Krankenhäuser künftig Textilien verwenden, die staatlich ausgezeichnet sind. Noch sei man aber weit davon entfernt, räumte er ein.

Seinen Worten nach deckt der "Grüne Knopf" zunächst die Arbeitsschritte "Nähen" und "Färben" ab. Er versicherte, dass das Siegel in den kommenden Jahren auf weitere Produktionsschritte wie den Baumwollanbau ausgeweitet werde. Auch die Sozial- und Umweltkriterien würden kontinuierlich weiterentwickelt. Hier soll ein Beirat aus Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft mitwirken. Müller sprach sich für europäische gesetzliche Standards aus, für die er sich einsetzen wolle.

Kritik an dem Siegel

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, lobte das Siegel als "sehr konkreten Schritt in die richtige Richtung".

Die Organisation "terre des hommes" kritisierte indes, dass das Siegel nicht besonders ausbeuterische Produktionsschritte in den Blick nehme, nämlich "Kinderarbeit im Baumwollanbau, Sklaverei in Spinnereien".

Greenpeace hob hervor, dass nach jetzigem Stand der "Grüne Knopf" auch auf einem T-Shirt aus pestizidbehandelter Gentechnik-Baumwolle kleben könnte. Denn die Prüfprozesse gebe es quasi erst beim Färben. Andere Siegel gingen da bereits weiter.

Der Gesamtverband textil+mode erklärte, kein Vertrauen in das neue Siegel zu haben und kritisierte, dass "die international etablierten Siegel und Zertifizierungssysteme, in die unsere Unternehmen seit langem viel investieren, Schaden nehmen".

Die christliche Initiative Romero rief im Radioprogramm SWR Aktuell dazu auf, den "Grünen Knopf" noch mindestens ein Jahr zu ignorieren. Standards von bereits bestehenden Textilsiegeln könnten ausgehöhlt werden, wenn Unternehmen das staatliche Siegel bevorzugten, weil die Richtlinien weniger streng seien.

Die Menschenrechts- und Hilfsorganisation medico international kritisierte, das Siegel setze auf Freiwilligkeit und sei daher praktisch wirkungslos. Müller betreibe "Schaufensterpolitik", statt endlich das Lieferkettengesetz auf den Weg zu bringen.

Das steht allerdings frühestens für das nächste Jahr an: Die Bundesregierung befragt derzeit 1.800 deutsche Unternehmen zur Einhaltung menschenrechtlicher Standards bei der Produktion im Ausland. Wenn im Ergebnis weniger als die Hälfte der befragten Unternehmen der menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht nachkommen, will die Bundesregierung weitergehende Schritte bis hin zu gesetzlichen Maßnahmen prüfen.