Armutsforscher kritisiert Tafel-Sammelboxen in Supermärkten

epd-bild/Guido Schiefer "Es ist nicht die Aufgabe von Kunden dazu beizutragen, dass arme Menschen etwas zu essen bekommen", sagt der Armutsforscher Christoph Butterwegge im Gespräch mit dem epd. Der Staat sei in der Verantwortung.

04.10.2019

Der Kölner Armutsforscher Christoph Butterwegge sieht das Aufstellen von Lebensmittel-Sammelboxen zugunsten von Tafeln in Supermärkten kritisch. "Es ist nicht die Aufgabe von Kunden dazu beizutragen, dass arme Menschen etwas zu essen bekommen", sagte Butterwegge dem Evangelischen Pressedienst (epd) zu einem Pilotprojekt im schleswig-holsteinischen Bad Segeberg. Dass Menschen dort erworbene Waren an die Tafeln weitergeben können, laufe auf eine Verschiebung der Verantwortlichkeiten hinaus. Es dürfe dem Staat nicht ermöglicht werden, sich aus seiner Verantwortung zu stehlen, sagte der Forscher.

Es komme bereits vor, dass Jobcenter-Mitarbeiter Menschen empfehlen, zur Tafel zu gehen. "Das wird umso mehr passieren, je mehr in Supermärkten von den Kunden in den Korb gepackt wird", sagte Butterwegge. Am Ende komme es zu einer Versorgung durch Suppenküchen über den Supermarkt: "Wir dürfen nicht vom Land der Dichter und Denker zu dem der Stifter und Schenker werden."

Spendensystem sei nicht selbstlos

Das Medium, in dem Menschen in unserer hoch entwickelten Gesellschaft karitative Hilfe benötigten, sei Geld. Dazu müsse sich der Staat eindeutig weit stärker engagieren, sagte Butterwegge: "Das Grundgesetz sieht keine Almosen-Empfänger vor, sondern kennt nur Sozialstaatsbürger mit Rechtsansprüchen."

Butterwegge kritisierte zudem, dass das Handeln eines Supermarktes in einem Spendensystem nicht selbstlos sei. Dieser bekomme die von seinen Kunden gespendeten Lebensmittel schließlich bezahlt. "Ich bin sicher, Supermarkt und Tafel handeln hier in gutem Glauben. Trotzdem ist dies Geschäftemacherei mit der Not der Menschen", sagte der Wissenschaftler.

Butterwegge äußerte den Wunsch einer veränderten sozialpolitischen Zielsetzung der Tafeln: "Eine Tafel kann Armutsbetroffenen kurzfristig helfen. Aber eigentlich muss sie darauf hinwirken, sich langfristig selbst abzuschaffen." Dazu dürfe sie sich nicht nur karitativ engagieren, sondern auch politisch. Dasselbe gelte für die Hilfe des Supermarktes. Bei einer prekären Lebensmittelknappheit könnten Sammelboxen sicher helfen. "Unter dem Strich sind sie aber problematisch", sagte Butterwegge.