Der Stress der Bäume

epd-bild/Thomas Rohnke Bäume stehen nicht nur im Wald, ihr Grün macht auch die Städte lebenswerter. Aber Klimawandel, versiegelte Flächen und Schadstoffe setzen den Stadtbäumen zu. Unterwegs mit einem Baumkontrolleur in Frankfurt am Main.

04.11.2019

Der alte Baum ist krank. Seit fast 140 Jahren steht die Hängebuche im Frankfurter Grüneburgpark. Mit ihrem bizarren Astwerk und den bis zum Boden herabhängenden Zweigen fällt sie Spaziergängern gleich ins Auge. Doch weil morsche Äste in der Krone abbrechen könnten, hat das Grünflächenamt einen Holzzaun um den frei stehenden, 13 Meter hohen Baum errichtet. Nicht nur das Alter setzt ihm zu. Im Stamm hat sich der Brandkrustenpilz eingenistet, der den Baum von innen zerfrisst.

"Wir versuchen, jeden Baum so lange wie möglich zu erhalten", sagt Peter Kistinger. Er ist Baumkontrolleur und fast täglich für das Grünflächenamt unterwegs, um den Zustand der Bäume im Park und anderswo in der Stadt zu prüfen. Nicht in jedem Fall gelingt es, kranke Bäume zu retten. Kistinger zeigt beim Gang durch den Grüneburgpark auf ein paar absterbende Fichten mit braunen Nadeln. Normalerweise sind sie das ganze Jahr über grün. Die Fichten müssen gefällt werden. Sonst drohen sie umzustürzen.

Viele Bäume überleben Extremsituation nicht

In der Großstadt Frankfurt stehen mehr als 230.000 Bäume - in Parks und Grünanlagen, aber auch am Straßenrand. Der Klimawandel, der mehr sommerliche Hitze und Trockenheit mit sich bringt, macht auch den Stadtbäumen zunehmend zu schaffen. So zeigen der besonders heiße und trockene Sommer 2018 und die Hitze in diesem Jahr jetzt ihre Auswirkungen.

"Die Bäume haben Stress", sagt Bernd Roser, Abteilungsleiter im Frankfurter Grünflächenamt. Schädlinge wie der Borkenkäfer und Pilzkrankheiten breiten sich schneller aus, wenn die Bäume unter Wassermangel und Hitze leiden. Viele von ihnen überleben die Extremsituation nicht, kranke Bäume können innerhalb von kurzer Zeit absterben. In diesem Jahr mussten nach Angaben Rosers allein bis Ende August bereits 3.500 Bäume in Frankfurt gefällt werden. In normalen Jahren sind es im Durchschnitt nur 1.500.

Stadtbäume haben es schwerer als Bäume in der Natur

Bäume haben nicht nur im Wald, sondern auch in der Stadt eine wichtige klimatische und ökologische Funktion. "Sie sorgen für Sauerstoffproduktion, Feinstaubbindung und Abkühlung der Luft durch Verdunstung. Zudem sind sie Schattenspender", sagt Joachim Bauer vom Kölner Amt für Landschaftspflege und Grünflächen. Er leitet den bundesweiten Arbeitskreis "Stadtbäume". Sie sind außerdem Lebensraum von Tieren und Pflanzen, verbessern die Bodenqualität und reinigen das Grundwasser.

Stadtbäume, vor allem die an Straßen, haben es schwerer als Bäume in der Natur. Für ihre Wurzeln ist wegen versiegelter Böden oft zu wenig Raum, häufig leiden sie unter Wassermangel. Schadstoffe in der Luft, das Streusalz im Winter sowie Verletzungen durch Bauarbeiten oder Unfälle gefährden die Bäume zusätzlich. Auch wenn sie widrigen Bedingungen trotzen müssen: Ohne das Grün der Bäume gäben die Städte ein trostloses Bild ab.

Zerstörerisches Werk des Brandkrustenpilzes

Das Leben der Bäume kann das der Menschen bei weitem überdauern. Und wie ein alter Mensch braucht ein altersschwacher Baum besondere Pflege. Manchmal reicht es, ein paar abgestorbene, trockene Äste zu entfernen, um das Leben eines Baumes zu verlängern. Aber nicht immer hilft das. Peter Kistinger steht im Grüneburgpark vor einer Gruppe mächtiger Rotbuchen. Der erfahrene Baumkontrolleur zeigt auf einen langen Ast in der Baumkrone, der gekürzt werden sollte. Eine der alten Buchen aus der Baumgruppe musste bereits vor drei Jahren gefällt werden. Am Baumstumpf können Parkbesucher noch gut das zerstörerische Werk des Brandkrustenpilzes erkennen.

Auch die Lebensspanne der alten Hängebuche im Grüneburgpark neigt sich dem Ende zu. Auf einem Schild ist zu lesen, dass der markante Baum voraussichtlich bis 2024 erhalten werden kann. Wie viele Jahre ihm tatsächlich noch bleiben, hängt davon ab, wie schnell die Fäule im Inneren des Stamms voranschreitet und wie standsicher er noch ist. In wenigen Monaten wird ein Baumsachverständiger anrücken, um den kranken Baum zu untersuchen.