Verkehrswende braucht Vernetzung

epd-bild/Andrea Enderlein Mobilität für alle, ohne die Umwelt zu zerstören - das ist die Herausforderung, vor der heute die Politik steht. Der Verkehrsclub Deutschland und die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung haben dazu einen "Mobilitätsatlas" mit Vorschlägen vorgelegt.

05.11.2019

Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) und die Heinrich-Böll-Stiftung haben von der Politik mehr Anreize für eine rasche Verkehrswende gefordert. Kapazität und Qualität der öffentlichen Verkehrsangebote müsse verbessert werden. Bus, Bahn, Sharing-Angebote und Fahrrad müssten nutzerfreundlich kombinierbar gemacht werden, sagte Stiftungsvorstand Ellen Ueberschär am Dienstag in Berlin bei der Vorstellung des "Mobilitätsatlas". Gemeinsam mit dem VCD entwickelt, erhält die 50 Seiten umfassende Publikation Beiträge zum Thema Verkehrswende und Klimaschutz.

Insbesondere im ländlichen Raum müsse ein "gut vernetzter und flexibler ÖPNV" politisch gefördert werden, sagte Ueberschär weiter. Als Vorbild für eine "regionale Mobilitätsgarantie" wird auf die Schweiz verwiesen. "Mobilität ist ein Freiheitsgut", unterstrich die Stiftungschefin. Wer individuelle Mobilität weiter ermöglichen wolle, müsse für weniger Verkehrsaufkommen sorgen: "Die Massenmobilität gefährdet unsere Freiheit", sagte Ueberschär.

Großes Vorbild sei Finnland

Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzende des VCD, plädierte unter anderem für Handy-Apps, die unterschiedliche Mobilitätsangebote für eine Wegstrecke anzeigen, die digital gebucht und auch abgerechnet werden können. Als Beispiele für eine gelingende Vernetzung von Verkehrsträgern in Städten nannte sie etwa Augsburg und Hannover. Großes Vorbild sei auch die Entwicklung in Finnland. So biete etwa die Hauptstadt Helsinki eine Smartphone-App an, die vom Mietfahrrad über das Taxi bis zur Metro alle verfügbaren Transportmittel zusammenführe.

"Wir brauchen mehr und sichere Rad- und Fußwege, den Umstieg auf kleine Elektroautos, am besten im Sharing-Betrieb, und einen starken ÖPNV", sagte Haarmann. Ein Fünftel der Treibhausgasemissionen in Deutschland komme aus dem Verkehrssektor, davon 96 Prozent aus dem Straßenverkehr, unterstrich Ueberschär. Sie verwies auch auf den unverhältnismäßig großen Flächenbedarf von parkenden und fahrenden Autos in Städten im Vergleich zu Straßenbahn, Rad oder Fußgänger.

Folgekosten des Verkehrs

Haarmann betonte zudem die Folgekosten des Verkehrs für Mensch und Umwelt. Diese tauchten in keiner Rechnung auf und würden von der Allgemeinheit getragen: "Drei Viertel aller Bürger fühlen sich in ihrem Wohnumfeld von Lärm belästigt." Lärm und Abgase könnten krank machen und führten zu Tausenden von vorzeitigen Todesfällen. Die Zahl sei ein Vielfaches von den tatsächlichen Verkehrsunfalltoten. Mit Blick auf die Diesel-Pkw heißt es im Mobilitätsatlas: fast drei Viertel der Stickoxide im Stadtverkehr stammten von Diesel-Pkw (2015: 72,5 Prozent).

Haarmann rief die Bundesregierung auf, umweltschädliche Subventionen abzuschaffen. Allein im Verkehrsbereich handele es sich um insgesamt 28,6 Milliarden Euro jährlich. Sie verwies dabei auf subventionierte Biokraftstoffe, Steuervorteile bei privat genutzten Dienstwagen, die Entfernungspauschale, die niedrige Besteuerung von Diesel, die fehlende Mehrwertsteuer auf internationale Flüge und die fehlende Energiesteuer auf Kerosin.