Konfliktforscher Schetter warnt vor Entgrenzung von Kriegen

epd-bild/Bettina Rühl "Künftig wird Krieg längst nicht mehr räumlich und zeitlich so abgegrenzt sein wie in der Vergangenheit", sagt der Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter im Gespräch mit dem epd.

06.11.2019

Der Bonner Friedens- und Konfliktforscher Conrad Schetter hat vor einer Entgrenzung bewaffneter Konflikte gewarnt. "Ich glaube, dass wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter stehen, in dem Krieg ganz anders geführt wird", sagte der wissenschaftliche Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC) dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich des 25. Jubiläums des Instituts. "Künftig wird Krieg längst nicht mehr räumlich und zeitlich so abgegrenzt sein wie in der Vergangenheit."

Derzeit würden militärische Innovationen in Gewaltkonflikten als rechtsfreie Räume ausprobiert, sagte Schetter. Dazu gehöre etwa der Einsatz von Drohnen oder künstlicher Intelligenz sowie Cyberattacken. Für diese Art der Kriegsführung gebe es bislang keine internationalen Regeln. "Wir haben gegenwärtig eine Situation, in der das Völkerrecht immer stärker den militärischen Handlungen hinterherhinkt und diese kaum noch einfangen kann. Darin liegt eine sehr große Gefahr."

Trend zu nationalistischer Politik

Zugleich gebe es einen weltweiten Trend zur Rückkehr zu autokratischer und nationalistischer Politik. Als Folge würden immer weniger multilaterale Abmachungen eingehalten. Ein Beispiel sei der im August außer Kraft gesetzte russisch-amerikanische INF-Vertrag zur Abrüstung von Kurz- und Mittelstreckenraketen. "Und das ist vielleicht die allergrößte Gefahr, dass letztlich jeder Staat Krieg führen kann und durch das internationale Recht und internationale Normen nicht mehr daran gehindert werden kann." Es sei dringend notwendig, dass sich Staaten und nichtstaatliche Akteure zusammenfänden, um ein neues Regelwerk zu vereinbaren.

"Im Moment ist meine Befürchtung, dass wir den entgegengesetzten Trend haben", warnte Schetter. "Vielleicht - das wäre das schlimmste Szenario - bedarf es dazu erst einmal wieder einer humanitären Katastrophe, die die Menschen zur Besinnung bringt."

Westliche Brille absetzen

Positiv zu verzeichnen sei, dass die Zahl der Opfer von Kriegen in den vergangenen Jahren zurückgegangen sei. Zudem gebe es nur noch wenige zwischenstaatliche Kriege. Meist handele es sich um innerstaatliche Konflikte.

Schetter appellierte an die Staaten des Westens, bei der Analyse weltweiter Konflikte die westliche Brille abzusetzen. "Die meisten Konflikt-Lösungsmechanismen werden irgendwo in Washington oder Brüssel gemacht und beziehen zu wenig die lokalen Realitäten mit ein", kritisierte der Wissenschaftler.

Ethnische und pastorale Gruppierungen

Ein Beispiel dafür sei Mali, wo aus der Perspektive der Europäischen Union überwiegend Islamisten zur Destabilisierung des Landes beitrügen. Die Lage in dem westafrikanischen Land sei aber wesentlich komplexer. So gebe es etwa ethnische und pastorale Gruppierungen, die zwar in Opposition zum malischen Staat stünden, zugleich aber an ihm teilhaben wollten. "Diese werden heute alle als Gegner des Staates gesehen und mit den Terroristen in einen Topf geworfen, anstatt ihnen eine eigene Stimme zu geben," kritisierte Schetter. "Und diese Konflikte werden in der Konfliktanalyse des Westens ausgeklammert. Sie passen eben nicht in dieses Schema hinein, dass man in Mali nur den Terror bekämpfen muss."

Das BICC (Bonn International Center of Conversion) wurde 1994 auf Initiative des damaligen UN-Generalsekretärs Kofi Annan und des früheren nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau (SPD) initiiert. Es wird vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert. Das BICC gilt als eines der führenden deutschen Friedens- und Konfliktforschungsinstitute.