«Wir haben die DDR porös gehalten»

epd-bild / Peter Sierigk Sie wurden nie gefeiert wie die Montagsdemonstranten oder die Botschaftsflüchtlinge in Prag. DDR-Regimekritiker waren oft jahrelang Repressalien und unmenschlichen Haftbedingungen ausgesetzt. Ein Netzwerk will die Erinnerung an sie wachhalten.

06.11.2019

Auch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer sind Marie Luise und Michael Schulz mit ihrem Leben und Leiden in der DDR noch längst nicht fertig: "Man merkt doch, dass das in einem steckt. Das kann man nicht so einfach abschütteln", sagt die 65-Jährige. Das Ehepaar wohnt seit mehr als 40 Jahren in einem kleinen Siedlungshaus in Braunschweig und erinnert sich noch in allen Details an seine Erlebnisse als Regimekritiker in der SED-Diktatur: Repressalien, Bespitzelungen, Schikanen und Haft.

Zwischen 1961 und 1988 hat die Bundesrepublik 33.755 politische Gefangene wie Marie Luise Schulz aus DDR-Zuchthäusern freigekauft. Rund 600.000 DDR-Bürger kamen insgesamt zwischen dem Bau und dem Fall der Mauer in die Bundesrepublik. Die meisten wurden wie Michael Schulz ausgebürgert und siedelten über. 178.000 flohen über Drittländer, 40.101 überwanden als sogenannte Sperrbrecher die Grenzanlagen.

Nicht in Vergessenheit geraten

Das Ehepaar kämpft heute dafür, dass Menschen wie sie, die sich jahrelang der Stasi-Diktatur widersetzten, nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb engagieren sich beide im Niedersächsischen Netzwerk für SED- und Stasiopfer, dem einzigen in einem westlichen Bundesland. Sie unterstützen Leidensgenossen beim Umgang mit Behörden und setzen sich auf politischer Ebene für die Anerkennung erlittenen Unrechts ein. So hat der Bundestag auch auf ihren Druck hin gerade die Gesetze für berufliche, strafrechtliche und gesundheitliche Rehabilitierung entfristet.

Noch immer wüssten viele Opfer nicht, dass sie Entschädigungsleistungen beantragen könnten, sagt der Sprecher des Netzwerks, Hartmut Büttner. "Bei manchen brechen die Traumatisierungen erst mit dem Eintritt ins Rentenalter auf." Niedersachsen sei aber vorbildlich beim Umgang mit SED- und Stasi-Opfern. Es hat als einziges Bundesland eine Beratungsstelle beim Innenministerium eingerichtet, mit der das Netzwerk eng zusammenarbeitet.

Unmenschliche Haftbedingungen

Die Erinnerung an den Mut der Widerständler in der DDR sei gerade zum 30. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November notwendig, betont Büttner. Die Menschen hätten sich nicht einschüchtern lassen von Stacheldraht, Schießbefehl und Willkürherrschaft, von überharten Strafen und unmenschlichen Haftbedingungen. Ohne sie wäre der Mauerfall nicht möglich gewesen.

"Wir haben die DDR porös gehalten", sagt Marie Luise Schulz. Von April 1977 bis Juli 1978 saß die gelernte Schrift- und Plakatmalerin sechs Monate in Untersuchungshaft in Ostberlin und neun Monate im sächsischen Frauengefängnis Hoheneck. "In Ostberlin war ich wochenlang allein in einer Zelle ohne Kontakt zu Mithäftlingen und wurde jeden Tag zum Verhör geholt", sagt sie. Verurteilt wurde sie wegen staatsfeindlicher Hetze - unter anderem weil sie sich weigerte, Banner mit sozialistischen Parolen zu versehen und auf ein Plakat geschrieben hatte: "Jeder Mensch darf seinen Wohnort frei wählen."

"Es gab keine Möglichkeit, für sich zu sein"

Im Zuchthaus Hoheneck war Schulz mit neun weiteren Häftlingen in einem Raum untergebracht - Mörderinnen, Diebinnen, weiteren politischen Gefangenen. Weder die Doppelstockbetten noch die zwei Kloschüsseln seien durch Wände abgetrennt gewesen. "Es gab keine Möglichkeit, für sich zu sein", erinnert sie sich. "Das ist mir sehr schwer gefallen."

Marie Luise Schulz musste ihre Haft nicht bis zum Ende absitzen. Die Bundesrepublik kaufte sie frei und brachte sie nach Gießen. Dort erwartete sie ihr Freund Michael Schulz. Er war ein halbes Jahr früher ausgebürgert worden.

Neues Leben aufgebaut

Er hatte schon 1973 seinen ersten Ausreiseantrag gestellt. "Ich war politisch immer dagegen", sagt der 71-Jährige. Elektrotechnik durfte er nicht studieren, weil er nicht in die SED eintreten wollte. Wegen eines missglückten Fluchtversuchs Ende 1972 wurde er zu zehn Monaten Haft verurteilt. Durch eine Amnestie kam er nach zweieinhalb Monaten auf Bewährung frei. Von da an wurde er ständig bespitzelt und verlor seinen Job als Elektriker.

In Braunschweig haben Marie Luise und Michael Schulz sich ein neues Leben aufgebaut. Beide sind heute trotz all der schlimmen Erfahrungen froh, dass sie sich widersetzt und nicht haben unterkriegen lassen. "Uns blieben zehn Jahre DDR erspart."