Vom Todesstreifen zum «Grünen Band» des Lebens

epd-bild / Christian Mühlhausen Vier Jahrzehnte trennte eine hochgesicherte Grenze zwei deutsche Staaten. In deren Schatten entstand auf fast 1.400 Kilometern mit dem Grünen Band ein einzigartiger Lebensraum. Im Eichsfeld kümmert sich um diesen die Heinz-Sielmann-Stiftung.

07.11.2019

"Schöne Aussichten" heißt die Waldgaststätte oberhalb des Pferdebergkreuzes bei Duderstadt im südöstlichen Niedersachsen. Von hier schweift der Blick kilometerweit ins Eichsfeld. Wenige Hundert Meter östlich von hier, wo sich ein grünes Band mit Bäumen und Wiesen durch die hügelige Landschaft schlängelt, verlief bis zum Herbst vor 30 Jahren ein Todesstreifen: die hochgesicherte Grenze zweier deutscher Staaten und Systeme. Mord mit schöner Aussicht.

Wetterjacke, Wanderrucksack, wetterfeste Schuhe: Nicht weit entfernt wartet Heiko Schumacher. Der promovierte Forstwirt ist bei der Heinz-Sielmann-Stiftung, die sich für Natur- und Umweltschutz einsetzt, zuständig für Biodiversität und kennt hier alle Pflanzen- und Tierarten. "Das Grüne Band und speziell dieser Abschnitt sind ein wichtiger Teil der DNA der Stiftung", sagt Schumacher.

Warnung vor Minen

1988 drehte hier der Naturfilmer Heinz Sielmann "Tiere im Schatten der Grenze". Dort, so habe es Sielmann damals ausgeführt, gebe es intakte Lebensräume, Refugien der Natur, eine reiche Tier- und Pflanzenwelt. Der Naturfilmer, der sonst mit seinen "Expeditionen ins Tierreich" Millionen Zuschauer vor den Fernsehern auf die Galapagos-Inseln mitnahm, träumte ein Jahr vor dem Zusammenbruch der DDR von einem west-östlichen Naturschutzprojekt entlang der innerdeutschen Grenze.

Auch noch 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung mahnt ein Schild Wanderer heute vor möglichen explosiven Minen im Boden. Kolonnenwege aus grobgelöcherten Betonplatten, auf denen DDR-Grenzer mit Geländewagen und Panzern patrouillierten, ziehen sich wie eine hellgraue Schnur hoch und runter durch die Landschaft. Acht Kilometer Grenzstreifen, Wachturm, Zäune und Gräben sind beim Grenzlandmuseum Eichsfeld heute noch als beklemmendes Denkmal begehbar. Nachts leuchten hohe Laternen den früheren Todesstreifen gelb aus.

Wie eine erdige Wunde am Zaun

Auf mehreren Hundert Metern hat das Museum zur Demonstration die Grasnarbe aufgerissen und glattgepflügt. Hier liegt der fruchtbare braune Eichsfelder Boden wie eine erdige Wunde am Zaun. So wollten die DDR-Grenzschützer Fußspuren Flüchtender entdecken können. Mehrere Hundert Menschen sollen auf ihrer Flucht in den Westen an der rund 1.400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze ums Leben gekommen sein. Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Minen und ein 200 Meter breiter Todesstreifen machten die Flucht fast unmöglich.

Immer höher hinauf wandert Schumacher, mal diesseits, mal jenseits der alten Grenze. Oben auf dem Kutschenberg angekommen, lugen zwei riesige Totholz-Stämme wie Totempfähle aus dem Boden, umgeben von Eichen. Ende der 90er-Jahre sollte mit dem "WestÖstlichen Tor" ein symbolisches Kunstprojekt der Einheit geschaffen werden: Das lebende Holz sollte das tote im Laufe der Jahre überwuchern. Geht es nach dem Bund für Umwelt und Naturschutz und der Heinz-Sielmann-Stiftung, soll auch aus dem Todesstreifen der Grenze ein verbindender Lebensstreifen entstehen: das Grüne Band.

Hoffen auf den Dominoeffekt

Lebensräume wechseln sich dabei immer wieder ab: Wälder und Feuchtgebiete, Stillgewässer oder auch Äcker. "Für Trockenrasengebiete sind etwa Heide und Nelken, Ginster typisch", sagt Schumacher. Zumindest für die Natur sei der Schutz der Grenze ein Gewinn gewesen: "Hier kommen sogar Wendehälse vor." Anders als in Nationalparks greife der Mensch hier aber auch ein. Nach und nach sollen alle Flächen bearbeitet werden, das sind 9.600 Hektar alleine im Eichsfeld zwischen Harz und Werra.

"Das Grüne Band ist ein einzigartiger ökologischer Lebens-, Bildungs- und Erinnerungsort", erklärt Schumacher. 2005 wurde es als "nationales Naturerbe" eingestuft. Im vergangenen Jahr hatte der Freistaat Thüringen am 9. November das Grüne Band zum Nationalen Naturmonument ausgewiesen, im Oktober 2019 zog auch Sachsen-Anhalt nach. Der grüne Korridor sei zwar häufig von Straßen unterbrochen und auch mit Landwirten und Jägern mussten einige Kompromisse eingegangen werden. Dennoch blickt Schumacher optimistisch in die Zukunft: "Ich hoffe auf einen Dominoeffekt, bis wir am Ende von der Ostsee bis zum Thüringer Wald eine fast durchgehende Fläche ausweisen."