Der Mut des Schreinergesellen

epd-bild / Rolf Zöllner Ein einzelner Mann verübte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller ein Attentat auf Adolf Hitler. Johann Georg Elser wollte den Krieg stoppen. Nur ein Zufall rettete den Diktator vor dem Tod.

08.11.2019

Am 8. November 1939 nehmen um 20.45 Uhr zwei Zöllner in Konstanz einen Mann fest, der auf dem Weg in die Schweiz ist. Die Beamten finden bei dem Schreinergesellen Johann Georg Elser (1903-1945) ein Abzeichen des kommunistischen "Roten Frontkämpferbunds", Teile eines Zeitzünders und eine Ansichtskarte des Münchner Bürgerbräukellers. Darauf wissen sie sich keinen Reim zu machen.

Eine halbe Stunde danach verwüstet eine Bombe den Bürgerbräukeller in München und tötet acht Menschen. Die Explosion reißt ein Loch in die Decke und begräbt ein Rednerpult unter Trümmern. Keine Viertelstunde zuvor hatte dort noch Adolf Hitler gestanden. Ihm galt die Bombe. Versteckt hatte sie Georg Elser.

Elser ist heute neben Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg der bekannteste Widerständler, der versucht hat, Hitler zu töten. Vor dem 80. Jahrestag seiner Tat besuchte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Elsers Geburtsort Hermaringen bei Ulm und das nahe gelegene Königsbronn, wo Elser aufwuchs. In Hermaringen enthüllte er am 4. November ein Denkmal für den Widerständler - 74 Jahre, nachdem die Nazis Elser in Dachau ermordet haben. In Berlin-Mitte steht seit 2011 ein Elser-Denkmal.

Verschwörungsmythen schadeten dem Ruf Elsers

Lange Jahre nach dem Krieg war sein Name in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt. Es gab den Verschwörungsmythos, Elser habe im Auftrag des Nazi-Regimes gehandelt, um mit einem fingierten Attentat den Kriegswillen der Deutschen zu fördern. Die Nazis hingegen hatten behauptet, Elser sei ein "Werkzeug des britischen Geheimdiensts" gewesen.

Ausgerechnet der Nazigegner, KZ-Häftling und spätere Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Niemöller, behauptete nach dem Krieg, Elser sei in Wahrheit SS-Unterscharführer gewesen. "Das hat dem Ruf Elsers in der Aufarbeitung unheimlich geschadet", ordnet Joachim Ziller ein, Leiter der Georg-Elser-Gedenkstätte im baden-württembergischen Königsbronn.

1969 wurden die Protokolle der Gestapo über Elsers Verhöre veröffentlicht. "Ich stellte Betrachtungen an, wie man die Verhältnisse für die Arbeiterschaft bessern und einen Krieg vermeiden kann", gibt Elser bei der Gestapo zu Protokoll. "Hierzu wurde ich von niemandem angeregt, auch wurde ich von niemandem in diesem Sinne beeinflusst."

"Ich wollte ein noch größeres Blutvergießen verhindern"

Er habe lange sein Gewissen befragt, ob seine Tat gerechtfertigt sei. Sie sei "keine Sünde im Sinne der protestantischen Lehre", sagt er im Verhör. Sein Motiv: "Ich wollte ja durch meine Tat ein noch größeres Blutvergießen verhindern."

Elser fasst seinen Entschluss nach dem Münchner Abkommen im September 1938, als Hitler die Abtretung des Sudetenlandes erpresst. Für ihn ist klar, dass der Diktator Krieg will. In der Armaturenfabrik im schwäbischen Heidenheim, in der er arbeitet, bekommt er die Rüstungsanstrengungen des Regimes mit.

Es liegt am schlechten Wetter in Berlin, dass das Attentat fehlschlägt. Hitlers Flugzeug kann wohl nicht landen, der Diktator muss für die Rückreise den Zug nehmen. Deshalb verlässt er den Bürgerbräukeller früher als geplant. Jedes Jahr gedenken die Nazis dort am Vorabend des 9. November ihres gescheiterten Putsches von 1923. Gewöhnlich spricht Hitler stundenlang vor seinen Kumpanen aus der "Kampfzeit" - so nennen die Nazis die Jahre vor ihrer Machtübernahme.

Der Handwerker plant seine Tat detailliert

Elser hatte vor allem moralische, kaum ideologische Gründe, wie Johannes Tuchel erklärt, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Zwar sei Elser Mitglied des paramilitärischen "Roten Frontkämpferbundes" gewesen und habe wahrscheinlich kommunistisch gewählt. "Bei dieser Tat steht aber eindeutig die Ablehnung des Kriegs im Vordergrund", sagt Tuchel.

Für Elser ist der Bürgerbräukeller der perfekte Ort, Hitler und die gesamte NS-Spitze zu töten. Der Handwerker plant seine Tat detailliert, um unbeteiligte Opfer auszuschließen. Doch weil Hitler schon gegangen war, änderte sich die Situation. "Diese Wendung konnte er bei aller Sorgfalt nicht einplanen", sagt Tuchel.

Eine Säule hinter dem Rednerpult hat Elser als ideales Versteck für die Bombe ausgekundschaftet. In der Armaturenfabrik stiehlt er nach und nach Teile, die er für den Anschlag benötigt. Dann kündigt er und nimmt eine Stelle in einem Steinbruch an, wo er mehrmals Sprengstoff abzweigt und ihn im Obstgarten seiner Eltern testet.

Sprengstoff explodiert per Zeitzünder

Mehr als 30 Abende besucht Elser den Bürgerbräukeller und isst dort für 60 Pfennige eine einfache Mahlzeit. Er versteckt sich jedes Mal bis Betriebsschluss in einer Kammer. Nächtelang kniet er neben der Säule und höhlt sie in mühevoller Kleinarbeit aus, um dort schließlich die selbst gebaute Bombe zu installieren. Den anfallenden Schutt trägt er morgens in einem Koffer hinaus und kippt ihn in die Isar. Per Zeitzünder explodiert der Sprengstoff am 8. November um 21.20 Uhr - 13 Minuten, nachdem Hitler den Keller verlassen hat.

Die Gestapo steckt Elser zunächst ins KZ Sachsenhausen, später nach Dachau. Kurz vor Kriegsende gibt Hitler im April 1945 den Befehl, Elser zu ermorden. Am 9. April wird er aus der Zelle geholt. Ein SS-Oberscharführer tötet ihn mit einem Genickschuss.