Neue Pflegeausbildung vor holprigem Start

epd-bild/Jürgen Blume Eine weitreichende Reform bei der Ausbildung von Pflegekräften soll den Beruf attraktiver machen. Kurz vor dem Start der neuen Ausbildungsgänge sind aber noch viele Detailfragen ungeklärt.

08.11.2019

In knapp zwei Monaten, zum 1. Januar 2020, soll in Deutschland die neue generalistische Pflegeausbildung starten. Dass die weitreichende Reform innerhalb der wenigen verbleibenden Wochen reibungslos über die Bühne geht, ist jedoch alles andere als ausgemacht. Pflegeschulen, Krankenhäuser und Seniorenheime sollen dafür sorgen, dass die Ausbildungen in der Altenpflege, der Kranken- und Kinderkrankenpflege in dem neuen Berufsbild Pflegefachfrau/Pflegefachmann aufgehen. Damit stehen sie vor einer Herkules-Aufgabe, denn die Politik hat sich lange Zeit gelassen mit den rechtlichen Vorgaben - was mancherorts für Ratlosigkeit sorgt.

Katrin Möller hat derzeit alle Hände voll zu tun - sie ist zuständig für die Kranken- und Altenpflegeschulen beim DRK-Landesverband Rheinland-Pfalz. "Es gibt zwei völlig unterschiedliche Systeme mit unterschiedlichen Zuständigkeiten", berichtet sie. Für die bislang getrennten Ausbildungsgänge waren früher verschiedene Ministerien zuständig. Die Lehrkräfte an den Pflegeschulen könnten noch keinen Unterricht planen, denn das Land Rheinland-Pfalz habe noch keine Lehrpläne vorgelegt.

Weiter offene Fragen

Im Moment würden alle Verantwortlichen mit Hochdruck daran arbeiten, wenigstens das erste Ausbildungsjahr zu organisieren. "Die Zeit für die Umsetzung ist unheimlich knapp", warnt Möller. Den Schulbetrieb am Laufen zu halten, wird nicht einfach werden: In der Vergangenheit hatten angehende Altenpfleger einen festen Ausbildungsbetrieb und festgelegte Schultage, Ausbildungsbeginn in den DRK-Einrichtungen etwa war stets der 1. August. In der Krankenpflege gab es solche festen Termine nie, auch keine Ferien und statt wöchentlicher Schultage einen Blockunterricht, der künftig für alle Auszubildenden eingeführt werden soll - auch für die, die bereits mitten in der Ausbildung stecken.

Bernd Tews, Geschäftsführer beim Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa), sieht weitere offene Fragen: Wer künftig für Investitionskosten der Pflegeschulen aufkommt, sei bislang in den meisten Bundesländern nicht geklärt. Und für viele kleinere Pflegeeinrichtungen sei die Umsetzung der Reform insgesamt eine "Zumutung". Denn sie müssten nun in kurzer Zeit Kooperationspartner finden, damit ihre Auszubildenden alle vorgeschriebenen praktischen Stationen durchlaufen können.

"Eigentlich ist das keine schlechte Situation"

"In der Vergangenheit hatten wir eine sehr geringe Anzahl von Kinderkrankenpflegekräften", schildert der Verbandsvertreter eines der Probleme dabei. Künftig müssten aber alle Auszubildenden mit diesem Bereich vertraut gemacht werden, auch wenn es in der Nähe ihres Ausbildungsbetriebs nirgendwo eine Kinderklinik gebe. In manchen Ländern könne zwar eine Ausbildungsetappe bei einem Kinderarzt oder in einer Behinderteneinrichtung anerkannt werden, eine bundesweite Regelung fehle aber.

Auch im Altenpflegeheim "An der Fasanerie" der Mission Leben im hessischen Groß-Gerau wird momentan viel Zeit damit verwendet, den weiteren Werdegang der aktuell neun Auszubildenden zu planen. "Eigentlich ist das keine schlechte Situation", versichert Einrichtungsleiter Thomas Seif. "Wir wachsen zusammen. Es ist schaffbar." Am Sinn der Reform zweifelt er nicht, denn es gebe in der Pflege einfach einen zu großen Fachkräftemangel.

Bei den Behörden herrscht Optimismus

Bei den zuständigen Behörden herrscht Optimismus: Das Bundesfamilienministerium lässt bereits großflächige Werbeplakate für die neue Pflegeausbildung kleben. Das Landescurriculum werde im kommenden Jahr zum Start der neuen Pflegeausbildung vorliegen, teilte das Mainzer Bildungsministerium mit: "Alle bisherigen Altenpflege- und Krankenpflegeschulen können 2020 mit der Ausbildung beginnen."

Der bpa hat Zweifel, dass tatsächlich alle Länder rechtzeitig zum Jahreswechsel die Umstellung schaffen. In einigen werde die neue Pflegeausbildung wohl in der Realität nicht vor April an den Start gehen.