«Ich wollte wissen, ob man wirklich rüber kommt»

epd-bild/Jens Schulze Der Grenzübergang Marienborn war einst der wichtigste Kontrollpunkt zwischen Ost und West, heute ist es eine Gedenkstätte. Vor 30 Jahren passierten DDR-Bürger erstmals ohne Reisegenehmigung die Grenze in Richtung Westen.

08.11.2019

Vor 30 Jahren war Annemarie Reffert die erste DDR-Bürgerin, die den damals größten innerdeutschen Grenzübergang in Marienborn nach der gerade erst verkündeten Grenzöffnung ohne vorangegangenes Antragsverfahren passierte. Am 9. November 1989 gegen 21.15 Uhr erreichten sie und ihre Tochter Juliane auf dem Beifahrersitz mit ihrem Wartburg den Kontrollpunkt. Nach wenigen Minuten waren sie "drüben".

Dabei wollte sie damals einfach nur umgehend wissen, ob das wirklich "möglich ist, dass man rüber kommt", sagt die heute 76-Jährige. Ein "mulmiges Gefühl" blieb dabei. Reffert hatte in den Nachrichten die Pressekonferenz mit SED-Funktionär Günter Schabowski gesehen und fuhr dann einfach los, in Richtung Westen. "Ich wollte das sehen."

Erster Ausflug in den Westen

Die Notärztin aus Gommern kannte die Grenzübergangsstelle bis dahin nur von ihren beruflichen Einsätzen. Einmal musste sie dort auch den Tod eines Flüchtlings attestieren. "Drüben" war Annemarie Reffert zuvor aber nie gewesen. Ihr erster Ausflug in den Westen an diesem historischen Datum dauerte nicht lange. Sie kam durch alle Kontrollen und ihre Knie zitterten. Hinter der Grenze in Helmstedt sei sie nur kurz ausgestiegen, um ihre "Knie zu festigen", berichtet sie. Und wohl gegen halb elf in der Nacht seien sie und ihre Tochter dann auch schon wieder zu Hause gewesen.

Da herrschte dann in Berlin schon Ausnahmezustand, die Menschen feierten die offene Grenze. Rückblickend sagt Reffert: "Ich bin für mich stolz, dass ich den Mut hatte, das gleich zu wagen." So war es der Zufall und ihre schnelle Entschlossenheit, dass sie die erste DDR-Bürgerin war, die den Grenzübergang am 9. November 1989 in Marienborn ohne amtliche Reisegenehmigung querte.

Gelände wirkt trostlos, grau und verlassen

Die Grenzübergangstelle (GÜSt), die zu DDR-Zeiten streng gesichert und bewacht war, ist seit 1996 die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn und gehört heute zur Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Die Abfertigungsbereiche, der Zoll, der Kommandantenturm der Grenztruppen sind weitestgehend erhalten geblieben. Einst versahen auf dem 35 Hektar großen Areal rund 1.000 Angestellte ihren Dienst. Mehrere Millionen Abfertigungen gab es hier jährlich, vor allem für den Transitverkehr und Bundesbürger.

Heute wirkt das riesige Gelände trostlos, grau und verlassen. Es steht unter Denkmalschutz. Direkt daneben rauscht der Verkehr ungehindert auf der Bundesautobahn A2 vorbei. Die Kontrollen in Marienborn wurden am 1. Juli 1990 endgültig eingestellt.

Menschenmassen strömten in den Westen

Margarita und Eckhard Müller kommen aus Niedersachsen, unweit der früheren Grenze. Auch sie verfolgten wie Annemarie Reffert aber auf der anderen Seite Deutschlands, im Zonenrandgebiet, am 9. November 1989 die Nachrichten über die Grenzöffnung. Doch erst am nächsten Tag, als sie selbst unterwegs waren, wurde dem Paar aus Schöningen wirklich bewusst, was es bedeutete. "Uns kamen massenhaft Trabis entgegen." Die Menschenmassen strömten auf einmal in den Westen. Die Müllers erinnern sich auch an eine enorme Hilfsbereitschaft. Margarita Müller war in der Kirchengemeinde aktiv und engagierte sich dort.

Zu DDR-Zeiten mussten die beiden oft über die Grenzübergangsstelle Marienborn, wenn sie zu Verwandten in die DDR oder über die Transitstrecke nach Berlin fuhren. Sie kennen die Grenzkontrollen aus eigenem Erleben, können so manche Geschichte erzählen, von stundenlangem Warten, von akribischen Kontrollen und unverständlichen Reaktionen der Grenzer. "Das war manchmal schon beängstigend", sagt Margarita Müller.

Erinnerung wachhalten

Heute führt sie gemeinsam mit ihrem Mann als Gästeführer Besuchergruppen über das Gelände der Gedenkstätte. Sie wollen dafür sorgen, dass die Erinnerung wachgehalten wird. Die Gebäude, in denen früher ihre eigenen Pässe kontrolliert wurden, können die beiden Westdeutschen heute selbst aufschließen und dabei von ihren eigenen Erlebnissen und ihrer Sicht erzählen.

Die Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn verzeichnet nach eigenen Angaben durchschnittlich 130.000 Besucher pro Jahr. Der 30. Jahrestag der innerdeutschen Grenzöffnung wird in Marienborn groß gefeiert. Neben einem ökumenischen Gottesdienst findet auch ein gemeinsamer Festakt der Bundesländer Niedersachsen und Sachsen-Anhalt statt. Auch Annemarie Reffert ist dazu geladen, als Zeitzeugin.