Käßmann: Mädchen arbeiten wie Sklavinnen in indischen Spinnereien

epd-bild/Uwe Lewandowski "Ich halte die Umstände, unter denen auch Kinder dort zum Teil bis zu zwölf Stunden jeden Tag arbeiten müssen, für untragbar", sagt die terre-des-hommes-Botschafterin.

26.11.2019

Die neue terre-des-hommes-Botschafterin Margot Käßmann sieht noch immer große Mängel bei den Arbeits- und Lebensbedingungen von Mädchen und Frauen in der indischen Textilindustrie. "Ich halte die Umstände, unter denen auch Kinder dort zum Teil bis zu zwölf Stunden jeden Tag arbeiten müssen, für untragbar", sagte Käßmann in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Und das schlimmste ist, dass sie wie Sklavinnen Tag und Nacht bewacht werden und das Fabrikgelände nicht verlassen dürfen."

Die ehemalige Bischöfin ist gerade von einer Reise mit dem Kinderhilfswerk in den südindischen Bundesstaat Tamil Nadu zurückgekehrt, wo sich einer der größten Textilstandorte der Welt befindet. Dort hat sie vor allem Spinnereien und Hilfsprojekte besichtigt. Der Lärm der Maschinen sei ohrenbetäubend, und die Luft sei angefüllt mit Baumwollfasern, sagte Käßmann. Die Arbeiterinnen liefen barfuß, trügen weder Gehör- noch Mundschutz. Sie wohnten und schliefen in Räumen direkt neben den Fabriken.

Boykott sei falscher Weg

Einmal pro Woche würden sie unter Bewachung zu einem Laden gebracht, in dem sie einkaufen dürften. Einem Mädchen hätten beide Beine amputiert werden müssen, weil es in eine Maschine geraten war. Ein anderes habe einen Stromschlag erlitten, sagte sie.

Käßmann betonte, es sei richtig, mit Initiativen wie dem Textilbündnis auf eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu dringen. Ein Boykott indischer Produkte oder eine sofortige Schließung solcher Fabriken seien der falsche Weg. Das hätten die Experten dortiger Hilfsorganisationen, die terre des hommes unterstütze, ausdrücklich bestätigt: "Sie sagen, sie brauchen den Druck aus Europa, auch von den Konsumentinnen und Konsumenten, damit sich die Arbeitsbedingungen weiter verbessern."

"Glückliche Braut"

Wichtig wäre zudem das von terre des hommes seit langem geforderte Lieferkettengesetz, sagte die Theologin. Es würde deutsche Unternehmen dazu verpflichten, bei der Herstellung von Kleidung von Anfang bis Ende für die Einhaltung von Menschenrechten und Umweltstandards zu sorgen.

Die Mädchen werden nach Angaben von terre des hommes mit dem Versprechen angeworben, sie bekämen nach bis zu fünf Jahren Arbeit in den Fabriken eine größere Geldsumme. Mit diesem Geld können die Familien den Brautpreis bezahlen, wenn sie ihre Töchter verheiraten. Von dem Sumangali ("glückliche Braut") genannten Ausbeutungssystem sind rund 300.000 Mädchen und Frauen betroffen. Terre des hommes hat seit 2011 rund 40.000 Mädchen aus Sumangali-Verträgen befreit und ihnen einen Schulbesuch und eine Ausbildung ermöglicht.