Wie aus Mangel Vielfalt wurde

epd-bild/Peter Endig Auch für Künstler wurde die Lage gegen Ende der DDR zunehmend schwierig. Doch bargen staatliche Repression und Mangel auch Potenziale, Künstler schufen improvisierte Freiräume und neue Kunstformen. Eine Ausstellung spürt diesen Phänomenen nun nach.

28.11.2019

Als der Liedermacher Wolf Biermann im Jahr 1976 aus der DDR geworfen wurde, waren Wut und Verzweiflung unter Kulturschaffenden groß. Denn der Fall führte vor Augen, wohin die Ausübung künstlerischer Urtugenden wie Regimekritik und Einstehen für Meinungsfreiheit in einem unfreien System führen können.

Tausende verließen in den Folgejahren das Land. Andere, die blieben, wandten sich resigniert ab vom offiziellen Kunstbetrieb. Verstummt aber sind sie nicht - sondern suchten sich neue Freiräume, Gestaltungsmöglichkeiten und Ausdrucksformen. Unter dem Titel "Störenfriede. Kunst, Protest und das Ende der DDR" erzählt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum in Leipzig von Freitag an ihre Geschichte.

"Die Ausstellung gibt einen Einblick in die Geschichte der Medien als eine des Aufbegehrens und des Protestes, die ganz spezifische Formate hervorbringt", erläutert Museumsleiterin Stephanie Jacobs. Und sie handelt von den kreativen Potenzialen, die sich in der Mangelwirtschaft der DDR ihre ganz eigenen Wege suchten.

Schallplatte als Röntgenaufnahme getarnt

Den eindrucksvollen Auftakt bildet eine Leihgabe aus der Sowjetunion, deren Charakter sich erst bei Betätigung eines Knopfs an der Vitrine erhellt: Der Besucher hat nun eine von unten beleuchtete, kreisrunde Röntgenaufnahme vor sich. Schädeldecke und Augenhöhlen sind zu erkennen - und auf der Oberfläche feine Rillen: Jazzfans hatten die Aufnahme schlicht zur Schallplatte umfunktioniert und so moderne Musik ins Land geschmuggelt. Eine frühe Raubkopie, wenn man so will.

In diesem ersten Teil der Ausstellung zur "Mediengeschichte des kleinen Formats", wie Jacobs sagt, finden sich außerdem einige Dutzend Beispiele sogenannter Mailart: Künstler artikulierten sich - schreibend, druckend, (foto)grafisch - auf Vorlagen im Postkartenformat. Nicht selten wurden die Miniaturen dann tatsächlich verschickt, zum Teil auch außer Landes, wo sie andere Künstler weiterentwickelten.

Gestaltungslust der Blattmacher

Daneben präsentiert die Schau gut zwei Dutzend "Samisdat" (russisch: "Selbstverlag") aus dem Bestand des Museums. Der Name ist bei diesen in kreativer Handarbeit gestalteten Zeitschriften absolut Programm: "Man schreibt selbst, redigiert selbst, verlegt selbst, verteilt selbst - und sitzt auch selbst die Strafe dafür ab", erläutert Kuratorin Julia Rinck in Anspielung auf den subversiven Charakter der in Kleinstauflagen produzierten Hefte, die vor Fotos, Poesie und Druckkunst strotzen.

Die Gestaltungslust der Blattmacher illustrieren dabei schon die Titel die Hefte, die DDR-weit kursierten: "Reizwolf" hießen sie oder "Glasnot", "Koma-Kino" oder "Der Anschlag". Ebenfalls charakteristisch ist, dass die Künstler mit dem arbeiteten, "was eben da war", erklärt Rinck. Denn wer keine Druckgenehmigung besaß, bekam auch kein Papier. So mussten als Unterlage Sandpapier, Pappe und Eierkartons herhalten - oder eben Röntgenbilder.

Neu entstehende Räume

In einem zweiten Teil bewegt sich die Ausstellung weg von den Werken, hin zu neu entstehenden Räumen, zu einer Art Gegenöffentlichkeit. Dokumentiert durch Schwarz-Weiß-Fotos, ist der Bereich nicht zuletzt auch eine Zeitreise in das letzte DDR-Jahrzehnt in Leipzig. Exemplarische Einblicke gibt es insbesondere in die Galerie Eigen+Art von Judy Lybke, der damals in seiner Privatwohnung Raum für Ausstellungen, Performances oder Lesungen von Autoren aus der ganzen DDR bot, darunter etwa Christa Wolf (1929-2011). Ebenfalls vertreten sind zudem das bis heute existierende Kulturzentrum naTo, das Jugendclubhaus "Arthur Hoffmann" und die Nikolaikirche, später Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen.

Ein dritter, am wenigsten eingängiger Teil schließlich wendet sich dem Individuum zu. Über Musikerbiografien versucht die Schau zu ergründen, ab wann eigentlich Musik "ein Akt des Störens" sei und "ins Widerständige kippe", sagt Jacobs. Vertreten sind neben dem großen Dirigenten Kurt Masur auch weniger bekannte Musiker wie Friedrich Schenker.

Der Störenfried, resümiert Jacobs, sei einer, "der mit ethischer Grundierung gesellschaftliche Prozesse infrage stellt und eine bessere Welt erträumt". Was daraus in der späten DDR entstanden ist, zeigt die Ausstellung im Buch- und Schriftmuseum auf beeindruckende Weise. Sie ist bis 26. Juli 2020 zu sehen.