Kenianischer Autor Ngugi wa Thiong'o mit Friedenspreis ausgezeichnet

29.11.2019

Der kenianische Autor Ngugi wa Thiong'o ist am Freitag mit dem Erich Maria Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet worden. Weil Ngugi erkrankt ist, nahm der ebenfalls aus Kenia stammende, in Leipzig lehrende Schriftsteller und Freund Ngugis, Abdilatif Abdalla, die mit 25.000 Euro dotierte Auszeichnung entgegen. Damit sollte der Jury zufolge Ngugis Leistung als Brückenbauer zwischen Afrika und Europa gewürdigt werden. Den mit 5.000 Euro dotierten Sonderpreis erhielt die Seenotrettungsorganisation "Sea-Watch".

Ngugi wa Thiong'o ermögliche vor allem mit seinem Essayband "Dekolonisierung des Denkens" einen von Stereotypen und Klischees befreiten Blick nach Afrika, sagte der Journalist und Afrikanist Manfred Loimeier in seiner Laudatio: "Mit Ihren Büchern öffnen Sie auch Deutschland die Augen!"

"Beispielhafter Humanismus"

Die Deutschen hätten sich noch nicht mit dem kolonialen Erbe ihres Landes auseinandergesetzt, sagte Loimeier laut Redemanuskript. Auch dadurch keime aktuell nationalistisches und rassistisches Gedankengut auf. Die deutsche Übersetzung von "Dekolonisierung des Denkens" sei 2017 somit gerade rechtzeitig erschienen. Aus den Essays, Romanen und Memoiren Ngugis spreche zudem "ein beispielhafter Humanismus". Dieser erinnere Europa daran, was es einstmals lehrte und selbst viel zu selten befolgte: "Fairness im Umgang mit Menschen."

Der Journalist Heribert Prantl kritisierte in seiner Laudatio für "Sea-Watch" die europäische Flüchtlingspolitik. Nicht die Staaten sorgten für die Rettung von Menschen vor dem Ertrinken im Mittelmeer, sondern kleine Vereine wie "Sea-Watch", sagte Prantl. Die Vereine stünden für das Europa, das die EU eigentlich sein wolle: "Ein Raum der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts."

Der Autor der "Süddeutschen Zeitung" verurteilte die Argumentation des früheren italienischen Innenministers Matteo Salvini und anderer Rechtspopulisten. Sie erklärten Flüchtlinge zum Zwecke der Abschreckung für "hilfsunwürdig", weil sie sich selbst in Gefahr begäben. "Die Gedanken der populistischen Extremisten sind abgründig, sie sind eine Gefahr, in der das Recht umkommt. Und viele EU-Politiker sind Täter hinter diesen rechtspopulistischen Tätern."

Kritik an EU-Flüchtlingspolitik

Noch schärfer klagte Johannes Bayer, Vorsitzender von "Sea-Watch" in seiner Dankesrede die EU an. Sie sei verantwortlich für das Tausendfache Sterben im Mittelmeer und in den afrikanischen Wüsten, in die Flüchtlinge zurückgedrängt würden. Die Bundesregierung lasse aus rassistischen Motiven "Menschen lieber ertrinken, als dass sie lebend Europäischen Boden erreichen", sagte Bayer. Er forderte die Politik auf, Migration als normal anzuerkennen und sie so zu gestalten, dass alle Beteiligten davon profitierten.

Die Stadt Osnabrück verleiht seit 1991 alle zwei Jahre den Friedenspreis, der nach dem in Osnabrück geborenen Schriftsteller Erich Maria Remarque (1898-1970) benannt ist. Remarque ist unter anderem Autor des Anti-Kriegs-Romans "Im Westen nichts Neues". Die Auszeichnung wird in diesem Jahr zum 15. Mal vergeben.