Klimaforscher: Noch 50 Jahre bis zum Kippen des Erdsystems

29.11.2019

Die Erderwärmung schreitet nach Überzeugung des Klimaforschers Hans Joachim Schellnhuber schneller voran als bisher angenommen. "Wir befinden uns bereits in einem planetaren Notfallzustand", sagte der Schellnhuber dem Evangelischen Pressedienst (epd)in Regensburg. Dort hatte er am Donnerstagabend neue Erkenntnisse präsentiert, die in dieser Woche auch im Wissenschaftsmagazin "Nature" erschienen sind.

Der Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und ein internationales Forscherteam gehen davon aus, dass die sogenannten Kipp-Elemente des Erdsystems schneller ausgelöst werden könnten als gedacht und stärker miteinander verbunden sind als angenommen. Die Wissenschaftler sprechen von "Dominoeffekten" und "sich selbst verstärkender Erderwärmung". Das könnte bedeuten, dass die Risiken unumkehrbarer Veränderungen womöglich unterschätzt worden seien.

Kipp-Punkte schon bei zwei Grad Erwärmung

Vor 20 Jahren habe man vermutet, dass solche Kipp-Prozesse, wie etwa ein möglicher Kollaps des Amazonas-Regenwaldes, das Abschmelzen der Grönland-Gletscher, das Erliegen des Golfstroms, bei einer Erderwärmung von fünf bis sechs Grad einträfen, führte Schellnhuber aus. Heute gingen die Wissenschaftler davon aus, dass eine Erderwärmung von um die zwei Grad dafür ausreiche, sagte der Forscher, der auch Mitglied im Weltklimarat ist. "Nach neuesten Erkenntnissen kommen wir zu dem Ergebnis, dass es vielleicht in 50 Jahren soweit ist, dass manche Prozesse unumkehrbar werden - wenn wir wirklich einfach weitermachen wie bisher mit dem Ausstoß von Treibhausgasen."

Die sich selbst verstärkende Erderwärmung stelle ein deutlich zu großes Risiko für die Lebensgrundlagen vieler Menschen auf der ganzen Welt dar, argumentierte der Forscher, und rief zu entschlossenem Handeln auf. Die Stabilität des Erdsystems sei in Gefahr. "Es muss unmittelbar etwas geschehen", sagte Schellnhuber.