Knobloch über Antisemitismus: Lage ist sehr ernst

epd-bild/Mck Sie habe sich nie vorstellen können, dass sie Judenhass in dieser Form noch mal erleben müsse, sagt die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Sie glaube jedoch, dass auch dieses "Gewitter" vorbeiziehen wird.

08.01.2020

Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus bezeichnet die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, die Lage als "sehr ernst". Sie glaube zwar, dass auch dieses "Gewitter" vorbeiziehen wird, sagte die 87-Jährige im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). "Aber es dauert schon so lange an und ist schon so weit fortgeschritten, dass mein Optimismus vielleicht doch infrage gestellt ist." Sie habe sich nie vorstellen können, dass sie Judenhass in dieser Form noch mal erleben müsse. Knobloch wurde 1932 in München geboren und musste unter anderem den Abtransport ihrer Großmutter ins KZ Theresienstadt und die Reichspogromnacht 1938 miterleben.

Momentan brauche man sich zwar über die politische Einstellung der gewählten Demokraten keine Sorgen machen. Aber sie hoffe, dass die Volksparteien wieder die Oberhand gewinnen und dass die AfD, die Holocaust-Vergessen und Antisemitismus in den Vordergrund stelle, ihren Höhepunkt überschritten habe, sagte Knobloch. Der Antisemitismus sei nicht in Deutschland erfunden worden. Er sei leider in jedem europäischen Land vorhanden. Und leider sei die Europäische Union zu spät aufgewacht, um das Problem anzugehen. "Wie wir den Weg bis 2030 positiv beschreiten sollen, ist für mich nicht ganz klar", sagte Knobloch, die auch Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern ist.

Juden nicht zu Opfern machen

Jeden Tag erzähle ihr jemand aus der jüdischen Gemeinschaft, dass er überlege, Deutschland zu verlassen, bedauerte Knobloch. Eine große Ausreisewelle befürchtet sie aber nicht, "ich glaube nicht, dass es so weit kommt". Sie warnt außerdem davor, dass Juden wieder zu Opfern gemacht werden. "Ich habe immer gesagt: Das Judentum darf sich nicht über den Holocaust definieren. Und wenn man uns jetzt wieder in eine Ecke stellt und uns zu Opfern macht, tut uns das nicht gut."

In den vergangenen Jahren haben sich antisemitische Vorfälle gehäuft. Zu den schwersten zählt der Anschlag vom Oktober 2019 in Halle, als ein schwer bewaffneter Mann zwei Menschen erschoss und auf der Flucht zwei weitere schwer verletzte. Der Täter hatte zuvor erfolglos versucht, in die Synagoge einzudringen.