Leih' mir deinen Traum

epd-bild/Fouad Maazouz Afrikanische zeitgenössische Kunstwerke sind weltweit gefragt: In New York, Paris, London oder Berlin werden Arbeiten afrikanischer Künstler teuer gehandelt und ausgestellt. In ihrer Heimat aber sind sie oft unbekannt. Das soll sich nun ändern.

09.01.2020

"Die meisten Werke der afrikanischen Künstler findet man heute in Europa", bedauert der senegalesische Künstler Mbaye Babacar Diouf. Seine Kalligraphien waren erst vor kurzem in Paris im Institut du Monde Arabe zu sehen. "Unsere afrikanischen Landsleute verstehen nicht, was wir machen", sagt Diouf. Das soll sich ändern.

Derzeit hängt ein Werk des 36-Jährigen in der Ausstellung "Fent Bokk" im Museum Théodore Monod in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Die Schau aufstrebender senegalesischer Künstler ist Teil der Feierlichkeiten zum ersten Geburtstag des "Museums der Schwarzen Zivilisationen" (Musée des Civilisations Noires), das im vergangenen Januar in Dakar eröffnet wurde.

Das Hauptereignis zum Jubiläum ist aber eine panafrikanische Wanderausstellung mit rund 100 Werken von 30 international bekannten Künstlern aus 15 afrikanischen Ländern. "Prête-moi ton rêve", zu deutsch: "Leih mir deinen Traum" macht bis Ende Januar Station in Dakar. Konzipiert wurde die Ausstellung in Marokko, in Casablanca war Premiere.

Ausstellung für Afrikaner

Die Kunst von Afrikanern soll ein Jahr lang in Afrika präsentiert werden, nach Dakar folgen Stationen in Abidjan, Lagos, Addis Abeba, Kapstadt und zum Schluss wieder in Marokko, in Marrakesch. "Es ist nicht Aufgabe der Deutschen, der Franzosen, der Schweizer oder der Amerikaner, Ausstellungen für Afrikaner zu organisieren", erklärt Generalkurator Yacouba Konaté: "Es ist unsere Aufgabe, die wichtigen Kreationen am Himmel der zeitgenössischen Kunst und ihre afrikanischen Stars auch dem Publikum in Afrika zu zeigen."

"Afrika muss sich endlich selbst verwalten", urteilt auch David Brolliet. Der Schweizer Sammler stellte ein Museumsvideo mit dem Marokkaner Mounir Fatni aus seinem Privatbesitz für die Ausstellung zur Verfügung: "Die Schüler und alle Afrikaner in allen Ländern dieses großen Kontinents müssen sehen, was zeitgenössische afrikanische Kunst zu bieten hat."

Alle Künstler der panafrikanischen Ausstellung sind in der internationalen Kunstszene zu Hause, in New York wie in Paris oder Berlin. Jems Koko Bi, der meterhohe Holzkupturen schafft, lebt in Leipzig. Die Begegnung auf dem afrikanischen Kontinent hält der 53jährige Ivorer für "etwas Besonderes": "Das ist für mich ein Traum."

Große gesellschaftliche Fragen

Angèle Etoundi Essamba steht im "Museum der Schwarzen Zivilisationen" vor ihrer Fotografie, die von Rembrandt und anderen Meistern des Goldenen Zeitalters inspiriert ist. Die in Amsterdam lebende Kamerunerin begrüßt die Ausstellung als "Neuheit": "Es ist wichtig zu zeigen, dass wir Afrikaner das können."

Die meisten Werke befassen sich mit großen gesellschaftlichen Fragen, die nicht nur Afrika betreffen - aber auch. Siriki Ky aus Burkina Faso prangert mit seinen Metallfiguren die politisch Verantwortlichen in Afrika an: "In Afrika sind Gold, Mangan und alle Rohstoffe, aber wir halten im Westen die Hand auf."

Der Ägypter Adel El Siwi hinterfragt in seinen Gemälden klassische westliche Kunsttheorien. "Wir Ägypter haben ein großes Identitätsproblem", sagt der 67-Jährige mit dem weißgrauen Lockenhaar: "Manchmal werden wir als arabische Künstler betrachtet, manchmal als dem Mittelmeerraum zugehörig, dann als Dritte Welt-Künstler." El Siwi lacht: "Nun sind wir afrikanische Künstler, und ich finde, das ist eine der besten Definitionen: Wir sind Afrikaner."

Erstmals in einem staatlichen Museum

In Casablanca wurden die Werke in einer Privatvilla gezeigt, die Station in Dakar ist nun erstmals ein staatliches Museum. Das "Musée des Civilisations Noires" ist eine Idee afrikanischer Intellektueller aus dem Jahr 1966, der senegalesische Staatschef Macky Sall weihte es am 7. Januar 2019 in Dakar ein. Das Museum steht für neues kulturelles Selbstbewusstsein.

Das moderne runde Glasgebäude sei eine umgekehrte afrikanische Hütte, erklärt Direktor Hamady Bocoum. Es wurde mit chinesischer Finanzierung für mehr als 30 Millionen Euro gebaut: "Damit wir genug Licht haben, haben wir die Hütte umgedreht und nun kommt das Tageslicht durch das Dach und wir können sogar Regenwasser auffangen", sagt Direktor Bocoum.

Im Innern empfängt den Besucher ein zehn Meter hoher Baobab, ein Affenbrotbaum aus geschnittenem Eisen, mehr als sieben Tonnen schwer. "Der Baum der Menschlichkeit" ist das Werk des in Miami lebenden Haitianers Edouard Duval Carrié. Im Erdgeschoss wird in einer ständigen Ausstellung die Evolutionsgeschichte gezeigt und Afrikas Beitrag zur Kulturgeschichte, zum Beispiel durch die Erfindung des Eisens und der Schmiedekunst. Fotos und Tafeln erklären Medizin- und Mumifizierungskenntnisse der Ägypter. Afrikas Beitrag zu den Religionen wird durch Fotos dargestellt, sie zeigen etwa Bruderschaften eines Sufi-Islam im Senegal oder in Stein gehauene Kirchen in Äthiopien.

Eintritt für viele ein Tageslohn

In den Sälen der oberen Stockwerken stehen in der aktuellen Ausstellung antike Masken und Skulpturen den zeitgenössischen Werken gegenüber. "Für uns beginnt afrikanische Kunstgeschichte vor sieben Millionen Jahren und geht bis heute mit den hier gezeigten zeitgenössischen Künstlern", sagt Direktor Hamady Bocoum.

100.000 zahlende Besucher im ersten Jahr seien zufriedenstellend, meint der Direktor. Der Eintritt im Museum der Schwarzen Zivilisationen kostet umgerechnet drei Euro - in Senegal für viele Menschen immer noch ein Tageslohn.