Experte: Gedenkstätten müssen stärker die Täter in den Blick nehmen

epd-bild / Rolf Zöllner NS-Gedenkstätten sollten stärker die Täter in den Blick nehmen, sagt der Leiter der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner. Es sei wichtig, dass die Menschen heute auch die Motivation der Täter nachvollziehen könnten.

09.01.2020

Die NS-Gedenkstätten und die Bildungsträger in Deutschland müssen nach Ansicht des Leiters der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, Jens-Christian Wagner, viel stärker die Täter und die Funktionsweise des NS-Regimes in den Blick nehmen. Seit den 80er Jahren konzentrierten sich die Verantwortlichen fast ausschließlich auf die Opfer und dabei vor allem auf die Juden, sagte Wagner am Mittwochabend in Osnabrück. Andere Opfer der Naziverbrechen würden an den Rand gedrängt. Zudem sei die Opferdarstellung häufig die von willenlosen Gestalten.

Es sei wichtig, dass die Menschen heute auch die Motivation der Täter nachvollziehen könnten. "Versuche in Gedenkstätten, solche Perspektiven aufzunehmen werden häufig als Affront gegen die Opfer wahrgenommen. Ich halte das für falsch", sagte Wagner im Rahmen der Osnabrücker Friedensgespräche über "Gewaltorte der NS-Zeit im historischen Denken". Er diskutierte unter anderem mit der Historikerin Kerstin von Lingen von der Universität Wien.

Lingen rief dazu auf, jungen Menschen auch nach der Ära der Zeitzeugen einen persönlichen Zugang zum Thema Nationalsozialismus zu ermöglichen. So könnten Schüler und Studierende in Originalquellen recherchieren, wie etwa Ausgrenzung von Juden in den Stadtteilen oder Sportvereinen vor Ort funktioniert habe, sagte die Professorin. Sie könnten versuchen, die Perspektiven von Opfern und Täter einzunehmen.