Von Spatzen und Gänsesägern

epd Der Nabu lässt an diesem Wochenende wieder bundesweit die Vögel zählen. Je mehr Menschen mitmachten, desto aussagekräftiger die Ergebnisse, wirbt Vogelschutzexperte Lars Lachmann fürs Mitmachen. Haushoher Favorit ist wie in den Vorjahren der Spatz.

10.01.2020

Träge fließt die Spree an diesem nassen Januartag durch das Berliner Regierungsviertel. Am grauen Himmel kreisen zwei mittelgroße Vögel über dem Flussbett. "Lachmöwe! Und Silbermöwe!", ruft Lars Lachmann. Der Mann mit der Kladde neben ihm notiert. Lachmann lässt das Fernglas sinken: "Auch mitten in der Stadt kann man interessante Vögel beobachten." Das bislang exotischste Exemplar, dass der Vogelschutzexperte in dem Gebiet zwischen Berliner Hauptbahnhof, Kanzleramt und Bundestag entdeckte, war ein Gänsesäger. Die Brutgebiete dieser fischfressenden Entenart liegen weit im Norden Europas, Asiens und Nordamerikas. Im Winter zieht es sie dann in die milderen Gefilde weiter südlich.

Seit Freitag lässt der Naturschutzbund (Nabu) gemeinsam mit dem bayerischen Landesbund für Vogelschutz (LBV) wieder bundesweit Vögel zählen. Naturfreunde sind aufgefordert, bis Sonntag eine Stunde lang die Vögel am Futterhäuschen, im Garten, auf dem Balkon oder im Park zu zählen und dem Nabu zu melden. Die bereits zum zehnten Mal stattfindende Zählaktion "Stunde der Wintervögel" ist nach Nabu-Angaben Deutschlands größte wissenschaftliche Mitmachaktion.

Im Winter zählen mehr Mitstreiter mit

"Je mehr Menschen mitmachen, desto aussagekräftiger werden die Ergebnisse", sagt Lars Lachmann. Erfahrungsgemäß finden sich bei der Zählaktion im Winter immer mehr Mitstreiter als bei der ebenfalls jährlich stattfindenden "Stunde der Gartenvögel" im Mai. "Wahrscheinlich haben die Menschen im Januar einfach mehr Zeit", vermutet Lachmann. Insgesamt gingen bei der vergangenen Winterzählung Meldungen aus 95.000 Gärten und Parks ein. Mehr als 138.000 Menschen hatten sich beteiligt.

Den ersten Platz bei der "Stunde der Wintervögel" hält seit Jahren der Spatz. Das liege an den milden Temperaturen der vergangenen Jahre, sagt Lachmann: "Ist der Winter mild, liegt der Spatz vorn. Ist er frostig, sind es die Kohlmeisen aus Nordeuropa, die hier in großen Mengen überwintern."

Der Spatz scheint das Rennen zu machen

Auch in diesem Jahr scheint der Spatz das Rennen zu machen. Lachmann zeigt auf einen kahlen Busch, in dem allein 17 Exemplare wahnsinnige Hektik verbreiten: Minütlich wird gemeinsam aufgeflogen, mit Tempo ein Futterhäuschen angesteuert, wieder abgedreht, zurück zum Busch gejagt; dann kurze Pause, neues Auffliegen. Die beiden Frauen vor dem Futterhäuschen bemühen sich leidlich, keine Doppelzählungen zu machen. "Wir konzentrieren uns einfach auf die anderen Vögel wie Meisen oder Grünfinken", sagen sie.

Nicht überall sind die Spatzen dabei so üppig vertreten wie in der Bundeshauptstadt, weiß Marius Adrion, Nabu-Referent für Umweltinformationen und Vogelschutz. In Hamburg oder im Ruhrgebiet seien die Vögel sehr viel seltener anzutreffen. Der "Dreckspatz" liebt das immer noch Verlotterte an Berlin, wilde Brachen, ungepflegte Grünanlagen, unsanierte Häuserfassaden. "Da fühlt er sich wohl", sagt Adrion.

Gespannt sind die Vogelschutz-Experten auf die Zahlen bei den Eichelhähern. Im Herbst sei ein außergewöhnlich starker "Einflug" der Vögel aus Nord- und Osteuropa nach Deutschland zu beobachten gewesen, sagte Lars Lachmann. Der Nabu-Experte vermutet, dass liegt am üppig gedeckten Tisch, den die Eichelhäher hier vorfinden. In den vergangenen Jahren habe es hierzulande eine "sehr gute Eichelmast" gegeben.