Streitbarer Kämpfer zieht sich zurück

epd-bild/Norbert Neetz Der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, gibt den Vorsitz der Deutschen Bischofskonferenz ab. Im März hätte er sich wiederwählen lassen können. Seine Ankündigung kommt überraschend, denn Marx hat gerade viel Neues angestoßen.

11.02.2020

"Die einen sagen: Der geht zu weit. Die anderen: Der geht nicht weit genug." So hat der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, das Dilemma seiner Amtszeit kürzlich auf den Punkt gebracht. Für viele Gläubige an der Basis der katholischen Kirche ist Marx noch immer zu konservativ. Für manche seiner Bischofskollegen in der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist ihr Vorsitzender zu liberal. Am Dienstag hat Marx bekanntgegeben, dass er nicht für eine zweite Amtszeit als Vorsitzender der Bischofskonferenz kandidieren will. Der 66-Jährige hätte sich auf der Frühjahrsvollversammlung im März in Mainz ein zweites Mal wählen lassen können.

Priesterweihe für Frauen, Segnung homosexueller Paare oder die Frage des gemeinsamen Abendmahls mit Protestanten - es sind die Themen, für die Marx von beiden Seiten in der Kritik steht. In der Frage der Priesterweihe für Frauen folgt er der Linie des Vatikans, der diese bis auf weiteres ausschließt. Marx selbst hält die Diskussion jedoch nicht für abgeschlossen.

Starker Gegenwind

Er ist gegen die Homo-Ehe, wendet sich aber gegen die Diskriminierung von Homosexuellen. Beim gemeinsamen Abendmahl greift er einer Entscheidung in Rom nicht vor. Doch dass für nichtkatholische Ehepartner der Empfang der Eucharistie geöffnet wurde, ist wesentlich auf sein Bestreben zurückzuführen.

Marx steht auch für das Dilemma, in dem sich die katholische Kirche befindet. Sie muss sich ändern, möchte aber die traditionelle Lehre nicht moderner Beliebigkeit opfern. Dass der Missbrauchsskandal und seine Folgen auch eine Chance für dringend nötige Reformen ist, hat der Kardinal erkannt. Innerhalb eines Jahres hat er zusammen mit den katholischen Laien einen Reformdialog organisiert, in dem die Streitthemen auf den Tisch kommen: Klerikaler Machtmissbrauch, die Ehelosigkeit von Priestern, Frauen in kirchlichen Ämtern und die katholische Sexualmoral. Der Synodale Weg soll Impulse für Reformen geben - und macht gleichzeitig deutlich, wie stark der Gegenwind ist, in dem der bärtige Zigarrenraucher Marx permanent steht.

Konservative Kräfte im Vatikan versuchten, Marx' Satzungsentwurf zu verhindern. Der Versuch scheiterte. Die Satzung ging mit Änderungen durch. Der Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki erklärte später, er habe der Satzung zwar nicht zugestimmt, gehe den Synodalen Weg aber unter Vorbehalt mit. Bei so viel Wind ist es für Marx schwierig geworden, die Mühlenräder immer in die richtige Richtung zu wenden. Der Verzicht auf die Wiederwahl kommt zu einem Zeitpunkt, als er viel Neues angestoßen hat. Der Synodale Weg dauert noch bis 2021.

3.677 überwiegend männliche, minderjährige Opfer

Als Marx 2014 zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz gewählt wird, hat er eine "lange Reise durch das katholische Deutschland" hinter sich, wie er selbst sagt. Als Sohn eines Schlossermeisters in Geseke geboren, studiert er katholische Theologie und Philosophie. Früh profiliert er sich als Sozialethiker. 1996 wird er Weihbischof von Paderborn, Ende 2001 Bischof von Trier. Marx ist mit 48 Jahren jüngster Diözesanbischof in Deutschland. 2008 übernimmt er als erster Nichtbayer das Bistum von München und Freising, 2010 ernennt ihn Papst Benedikt XVI. zum Kardinal.

Im selben Jahr werden Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche bekannt. Durch eine 2018 veröffentlichte Studie, die die Bischofskonferenz unter Marx in Auftrag gegeben hatte, weiß man heute: Zwischen 1946 und 2014 wurden 3.677 überwiegend männliche Minderjährige zum Opfer, mindestens 1.670 Kleriker zu Tätern.

Enges Miteinander

Auf der Frühjahrsvollversammlung im März soll auch über die Frage der Entschädigungsleistungen diskutiert werden. Marx versprach erst Anfang Februar, sich dafür einzusetzen, dass man in diesem Jahr noch zu einer Entscheidung kommt.

In der Ökumene dominiert das enge Miteinander zwischen dem Münchner Kardinal und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und bayerischen Landesbischof, Heinrich Bedford-Strohm, das öffentliche Bild. Bei allen innerkirchlichen Debatten verliert Marx nicht den Blick für drängende gesellschaftliche Themen. Die Seenotrettung ist dem Theologen mit kräftiger Statur ebenso ein Anliegen wie seinem Duz-Freund Bedford-Strohm. Jüngst spendete Marx aus Mitteln des Erzbistums 50.000 Euro für das geplante Seenotrettungsschiff der EKD. Damit ist er gegen den Strom unterwegs: Die Bischofskonferenz hatte von Beginn an erklärt, dem Projekt nicht beitreten zu wollen.