Sekundenschnelle Schulden

epd-bild/Bettina Ruehl In Kenia sind Kredite via Handy ganz einfach zu bekommen. Der digitale Finanzmarkt schließt kaum jemanden aus. Die Folge: Überschuldung.

12.02.2020

Was erst nach einer einfachen Lösung aussah, hat Franklin Ouma ruiniert. Der 40-Jährige bewohnt mit seiner Frau und zwei Kindern ein kleines Zimmer in Mathare, einem der Slums in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Das Mobiliar besteht aus ein paar Plastikstühlen, einem Regal, Gaskocher, Alutöpfen und Geschirr. Ein Bett gibt es nicht, die Familie schläft auf dünnen Matten. Denn das Geld, das Ouma als Fahrer für die Taxiplattform Uber verdient, reicht hinten und vorne nicht.

Deshalb hat Ouma vor einigen Monaten einen Kredit aufgenommen. Dafür brauchte er nur ein paar Tasten seines Handys zu drücken. "Seitdem habe ich mir jeden Monat weiteres Geld geliehen", erzählt er. "Schon den ersten Kredit konnte ich kaum zurückzahlen." Anschließend sei er komplett pleite gewesen und habe sich weiteres Geld leihen müssen. "Wenn Du einmal mit diesen digitalen Krediten anfängst, kannst du nicht mehr damit aufhören." Die Zinsen seien zu hoch und die Rückzahlungsfristen zu kurz. "Das ist wie eine andere Form der Abhängigkeit, weil man immer wieder Geld leihen muss, um überleben zu können."

Mittlerweile mehr als 50 mobile Kreditplattformen

In Kenia haben mobile Technologien den Markt in einem Rekordtempo durchdrungen und die Gesellschaft verändert. Den Anfang machte vor zwölf Jahren das Telekommunikationsunternehmen Safaricom, das zu 40 Prozent der britischen Vodafone gehört. Es brachte "M-Pesa" auf den Markt, den Geldtransfer per Handy. Der neuste Hype sind FinTech-Produkte, also digitale Finanzdienstleistungen. Für deren Entwicklung fließen aus dem Ausland hohe Summen.

Inzwischen gibt es in Kenia rund 50 mobile Kreditplattformen, heißt es in einer Studie der kenianischen Bankervereinigung. Die Rede ist dort auch von "exorbitanten" Zinsen: Die teuerste Kredit-App namens Okoa Stima verlangt demnach monatlich 43,4 Prozent Zinsen, das Geld muss innerhalb eines Monats zurückgezahlt werden. Auch andere digitale Anbieter verlangen Zinsen, die in Deutschland als sittenwidrig verboten sind. In Kenia ist der FinTech-Sektor jedoch weitgehend unreguliert.

2,7 Millionen Kenianer konnten Schulden nicht begleichen

"Alle Statistiken zeigen, dass die Rate der überschuldeten Haushalte in Kenia sehr hoch ist", warnt der britische Wirtschaftswissenschaftler Milford Bateman. So kam eine Studie des internationalen Beratungsunternehmens Microsave zu dem Schluss, dass von 2014 bis 2017 etwa 2,7 Millionen Kenianer auf einer "schwarzen Liste" des Bankensektors verzeichnet waren, weil sie ihre Schulden nicht begleichen konnten.

Bateman hat zusammen mit Kollegen untersucht, welche Auswirkungen die FinTech-Produkte in Afrika haben. "Die Leute nehmen drei, vier oder fünf Kredite auf und geraten in vielerlei Schwierigkeiten", sagt Bateman. Das gelte vor allem für junge Menschen, und ganz besonders für diejenigen, die digitale Kredite für digitale Wetten nutzen.

Als Kernproblem bezeichnet Bateman die "riesigen Profite der Unternehmen". Das betreffe vor allem Safaricom, eins der profitabelsten Unternehmen in Ost- und Zentralafrika. 2018 machte es 620 Millionen Dollar Gewinn. Dabei fließe ein Großteil des Geldes ins Ausland, zum Beispiel nach Großbritannien.

Sorge vor Kollaps des Marktes

Ouma ist in gewisser Weise der typische kenianische Kreditnehmer. 2015/2016 untersuchte die kenianische Regierung das Haushaltseinkommen der Bevölkerung. Demnach leihen sich zwei Drittel der Kreditnehmer das Geld, um ihre täglichen Bedürfnisse zu erfüllen: die Miete zu entrichten, Schulgebühren zu zahlen und ähnliches - also um überleben zu können. Was aber auch bedeutet, dass sie das geliehene Geld verbrauchen, statt es zu investieren, um so auf Dauer ihr Einkommen zu erhöhen.

Die hohe Überschuldungsrate verändert in Kenia die Sicht auf mobile Finanzprodukte: Früher wurden sie als möglicher Entwicklungs-Motor gefeiert. Heute wächst die Sorge vor einem Kollaps des Marktes. Und vor noch extremerer Armut in den einkommensschwächeren Schichten der Gesellschaft.

Franklin Ouma sorgt sich nicht nur, er hat Angst. Zuletzt hatte der Familienvater immer zwei Kredite parallel, um einen mit dem anderen zu bezahlen. Schließlich konnte er keinen seiner beiden mehr bedienen. Jetzt gilt er als überschuldet und ist für weitere Kredite gesperrt. Nun hofft er auf das Unmögliche - auf niedrigere Zinsen. "Ich wünschte, die Kreditgeber wüssten, wie sich ein normaler Kenianer fühlt. Wie schwierig das Leben für uns ist, weil sie reich sind und viel Geld verdienen. Wir leben nur dank der Gnade Gottes."