Anwältin der Kinder

epd-bild / Stephan Wallocha Sie kämpft für die Leseförderung in Deutschland und Aids-Waisen in Afrika: Die Schriftstellerin Kirsten Boie, Autorin von rund 100 Kinderbüchern. Mit dem Schreiben hat sie angefangen, als sie ihren Sohn adoptierte.

19.03.2020

Für Tara aus dem Möwenweg sind Geburtstage so schön, "dass man es kaum aushalten kann". An ihrem neunten hört sie morgens, wie ihre Familie vor ihrer Zimmertür flüstert, dann fliegt die Tür auf und alle singen "fast gleichzeitig" ein Geburtstagslied, auf dem Elefantenkuchen brennen die Kerzen. Am 19. März hat die Schöpferin dieser und vieler weiterer Alltags-Geschichten über die "Kinder aus dem Möwenweg" selbst Geburtstag: Die Schriftstellerin Kirsten Boie wird 70 Jahre alt. Mit ihren rund 100 Büchern etwa über den kleinen Ritter Trenk oder das Seeräubermädchen Moses ist sie eine der beliebtesten und erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen im deutschsprachigen Raum.

Und sie kämpft für Kinder und deren Recht auf eine schöne Kindheit: Mit ihrer Möwenweg-Stiftung unterstützt sie fast 4.000 Aids-Waisen im südlichen Afrika. Zudem setzt sie sich engagiert für die Leseförderung in Deutschland ein. Für ihre Stiftung sammelt die Autorin nicht nur Spenden, sondern reist auch immer wieder selbst nach Swasiland. Zuletzt war die zierliche blonde Frau im Februar dort. Auf Facebook berichtete sie von ihren Erlebnissen, von Gesprächen über Wasser, Ernährung, HIV-Tests, medizinische Versorgung. Und beruhigte besorgte Freunde, dass auf den Straßen "keine Löwen frei herumlaufen, auch keine Nashörner oder Büffel".

Ein Glück für mehrere Kindergenerationen

Kirsten Boie wurde 1950 in Hamburg geboren und brachte sich mit fünf Jahren selbst das Lesen bei, wie sie in ihrem neu erschienenen Buch "Das Lesen und ich" schreibt. Sie studierte Germanistik und Anglistik auf Lehramt, promovierte im Fach Literaturwissenschaft und arbeitete als Lehrerin. Als sie 1983 mit ihrem Mann ihr erstes Kind adoptierte, musste sie auf Verlangen des vermittelnden Jugendamtes ihre Berufstätigkeit aufgeben.

Pech für ihre Schüler, ein Glück für mehrere Kindergenerationen: Inspiriert durch die eigene Situation schrieb sie ihr erstes Kinderbuch "Paule ist ein Glücksgriff" über die Erlebnisse eines schwarzen Adoptivkindes. Seitdem sind rund 100 Bücher von Boie erschienen, über Kinder, ihre Sorgen und Nöte, aber auch darüber, was Kinder glücklich macht.

Dazu gehören neben der Serie "Wir Kinder aus dem Möwenweg" auch fantastische Romane wie die "Alhambra" und "Die Medlevinger" oder Abenteuergeschichten. Sie schreibt auch Krimis wie den Jugendroman "Schwarze Lügen" und Erstlesegeschichten um kleine Helden wie das Meerschweinchen King-Kong. Einige ihrer Bücher wurden Vorlage fürs Kinderfernsehen, "Der kleine Ritter Trenk" und die Möwenweg-Reihe laufen zurzeit als Animationsserie im Kika.

"Jedes Kind muss lesen lernen!"

Gerade erst ist ihre Streitschrift "Das Lesen und ich" erschienen. Jedes Kind müsse lesen lernen, fordert sie und verlangt von der Politik einen nationalen Lesepakt, analog dem Digitalpakt. Auch Eltern, Lehrer, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie Kirchen müssten sich zusammentun, um eine Lobby für das Lesen zu schaffen, sagte sie im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Sie hat dazu auch eine Internet-Petition an das Bildungsministerium gestartet. Bislang haben rund 120.000 Menschen die Petition "Jedes Kind muss lesen lernen! - Hamburger Erklärung" unterschrieben.

Dabei geht es der Autorin zunächst nicht darum, dass Kinder Bücher lesen. Vielmehr sei es wichtig, dass Kinder überhaupt erst einmal richtig lesen lernten. Denn dies könnten in Deutschland 20 Prozent der Jugendlichen nicht.

Wer nicht lesen könne, für den seien Buchstaben nur schwarze Zeichen auf Papier, sagt die vielfach ausgezeichnete Autorin. Diesen Kindern gehe all das verloren, was Bücher nachweislich bewirken könnten: Steigerung der Intelligenz und der Empathiefähigkeit, der Fantasie und der Rechtschreibung.

Ehrenbürgerwürde der Stadt Hamburg

Sie erhielt 2006 den Evangelischen Buchpreis und 2007 den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. Im Dezember 2019 wurde ihr die Ehrenbürgerwürde der Stadt Hamburg verliehen, als fünfter Frau. Es gelinge Boie auf einzigartige Weise, Lesende mit ihren Geschichten zu fesseln und ihre Fantasie zu beflügeln, sagte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD). Als "Anwältin für die Interessen und Lebenschancen von Kindern und Jugendlichen" bezeichnete sie der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher.

Trotzdem werde sie immer wieder gefragt, ob sie auch "richtige Bücher schreibe", kritisiert Boie. Kinderliteratur sei in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch eher im Bereich der Putzigkeiten angesiedelt als im Bereich der Kultur -"irgendwo zwischen Playmo, Kuscheltieren und Barbiehaus". Und das, obwohl sich vermutlich jeder Erwachsene noch an mindestens ein Buch erinnern könne, das in seiner Kindheit einen starken Eindruck auf ihn gemacht habe: "Darum sind Kinderbücher und damit auch ihre Autorinnen und Autoren schon einigermaßen wichtig."