Kein Garten und keine Chance auf Homeoffice

epd-bild/Rolf Zoellner Viele Büro-Angestellten mit Kindern, die wegen der Corona-Pandemie im Home Office arbeiten, sind nun auch als Pädagogen gefordert. Der Familienalltag dürfte allerdings für Kleinverdiener mit Kurzarbeit in einer engen Mietswohnung härter sein.

20.03.2020

Die fünfjährige Zehra rüttelt heftig am Fahrersitz – und in Kombination mit der Titelmelodie ihrer Lieblingshörbücher auch an Ozan Yasars Nerven. Der 41-jährige Dortmunder liefert Pizza aus, seit das Corona-Virus seinen Alltag auf den Kopf gestellt hat: im Auto vom Chef, mit der Tochter auf der Rückbank. "Zehra fehlt die Kita genauso wie mir", sagt Yasar, der als Kellner angestellt ist und dessen Chef eigentlich gar keinen Lieferservice macht. Der ist aber die Rettungsidee in der Corona-Krise, die fünf Angestellten ziehen mit. Ansonsten wäre das Restaurant ab 15 Uhr – und vielleicht bald ganz – zu. "Jetzt sind natürlich alle Arbeitszeiten anders", sagt der zweifache Vater, dessen Ex-Frau die Kinder gerade nicht nehmen kann, weil sie im Krankenhaus arbeitet. Sein 15-jähriger Sohn soll sich Zuhause auf die Zentralen Prüfungen für den Realschulabschluss vorbereiten, die lebhafte Schwester nimmt er auch deshalb mit zur Arbeit.

"Die Arbeit muss bleiben", sagt Yasar. Unbezahlter Urlaub, Kurzarbeit – schon die Übergangslösungen machen dem unfreiwilligen Pizzafahrer Sorgen. Rücklagen gibt es nicht, die Scheidung hat die kleinen Reste "und etwas mehr" verbraucht. "Die Ausgaben laufen weiter, die Einnahmen dürfen nicht kleiner werden, egal, was es uns als Familie kostet." Das galt schon vor Corona. Nur gab es da noch Schule, Kita, eine Oma für die Abendschichten.

Finanzielle Schmerzgrenze

Irina aus Bochum ist schon passiert, was Ozan Yasar mit allen Mitteln verhindern will. Zwei Minijobs sind weg: Die Bürogemeinschaft, deren Rezeption sie besetzt, ist im Homeoffice und die Bildungseinrichtung, die sie reinigt, geschlossen. Mit beiden hatte sie nur noch bis Monatsende einen Vertrag, "ich kriege einen neuen, wenn sie wieder öffnen", sagt die alleinerziehende Mutter, die anonym bleiben will, weil sie "ja jetzt wieder Bewerbungen schreibt – auch, wenn jetzt wohl eh keiner einstellt." An ihre finanzielle Schmerzgrenze kommt sie, wenn die Löhne auch im Mai noch fehlen "Dann muss ich zum Amt."

Etwa zehn Millionen Arbeitnehmer in Deutschland verdienen weniger als 12 Euro pro Stunde, zeigen die Auswertungen des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in Düsseldorf. Das sind fast 30 Prozent der abhängig Beschäftigten im Land. Lohnausfälle können sie kaum stemmen. "Ein Nettoeinkommensverlust von 40 Prozent bei Kurzarbeit hat bei Gehältern unter 2.000 Euro dramatische Folgen", sagt Thorsten Schulten, Leiter des Tarifarchivs des gewerkschaftsnahen Forschungsinstituts. Gerade in den klassischen Niedriglohnsektoren gäbe es auch keine tarifvertraglich vereinbarten Zuschüsse zum staatlichen Kurzarbeitergeld. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte am Mittwoch nach einem Spitzentreffen mit Gewerkschaften und Arbeitgebern angekündigt, diese Lohnlücken "gemeinsam abzufedern". In der kommenden Woche soll der Bundestag dazu beraten.

Auf der Couch hüpfen

Irina in Bochum macht jetzt sogar Homeoffice: Sie näht Kinderkleider und bietet sie im Online-Verkauf an – ihre dritte und gerade einzige Einkommensquelle. Dafür teilt sie sich den Laptop mit ihren beiden großen Töchtern, die einige Schulaufgaben von ihrer Schule bekommen haben. Mit ihrer Sechsjährigen geht sie für eine Stunde in den kleinen Park in der Nähe. Noch. "Die Spielplätze sind ja eigentlich jetzt schon gesperrt", sagt sie. "Unsere Wohnung ist klein und ohne Balkon, vor allem die Kleine verpackt das schlecht."

Das merkt auch Ozan Yasar in Dortmund. Der hat zwar einen Balkon, "Ball spielen oder richtig toben geht aber nur draußen", sagt der Vater. Eigentlich. Ist draußen gesperrt, muss die Tochter auf der Couch Hüpfen. "Nach einem Tag im Auto braucht sie das."