Heruntergespielt, verschwiegen, verwechselt

20.03.2020

Autoritäre Regierungen leugnen die Existenz von Covid-19-Infizierten, Tropenkrankheiten erschweren mancherorts die Diagnostik: Südostasien hat große Probleme bei der Bekämpfung des Coronavirus, warnen Menschenrechtler und Mediziner.

So besteht die Regierung Myanmars darauf, dass sich in dem Land bislang niemand mit dem Virus angesteckt hat. Zugleich hat De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi die Bevölkerung aufgerufen, Geld für einen staatlichen Fonds zur Bekämpfung der Krankheit zu spenden. "Es ist schockierend, dass Myanmar so wenig gegen die Epidemie unternimmt", erklärte der Vize-Asienchef von Human Rights Watch, Phil Robertson. Die folgenreichste Entscheidung der Regierung sei bisher gewesen, die Feierlichkeiten zum burmesischen Neujahrsfest im April abzusagen. "Das Letzte, was die Bevölkerung will, ist dass erneut etwas vertuscht wird."

Es fehlt an Test-Kitts

Myanmar teilt eine Grenzen von annähernd 2.300 Kilometern mit China, wo die Epidemie Ende 2019 ausbrach. Vor allem in ländlichen Gebieten und Grenzregionen dürfte es schwer zu diagnostizieren sein, wer sich mittlerweile infiziert hat. Es fehlt an Test-Kitts und anderer Ausrüstung. Das gilt zwar nicht allein für Myanmar. Aber für das südostasiatische Land kommt erschwerend hinzu, dass mehrere blutige Konflikte im Westen, Norden und Nordosten des Landes herrschen, wo die Menschen ohnehin bedroht sind und in großer Armut leben. Laut einem Bericht der "Myanmar Times" beklagen Helfer, es gebe keine Instruktionen des Gesundheitsministeriums, wie die Regierung Binnenflüchtlinge schützen wolle.

Auch Kambodscha hat die Corona-Gefahr lange herunter gespielt. Die Regierung von Machthaber Hun Sen behauptete kürzlich noch, die warme Witterung werde die Bevölkerung vor dem Virus schützen. Mittlerweile räumten die Behörden mindestens 37 Fälle ein - Einheimische wie Ausländer. Die meisten der erkrankten Kambodschaner sollen Angehörige der muslimischen Minderheit sein, die Ende Februar an einer Massenversammlung der islamischen Missionsbewegung Tablighi Jamaat nahe Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur teilgenommen hatten. Wie viele der Teilnehmer, die aus anderen Staaten Südostasiens angereist waren, sich angesteckt haben, weiß derzeit niemand.

Angst vor Aufruhr

Eindeutig Stellung zu Strategien einzelner Länder der südostasiatischen Staatengemeinschaft, die Corona-Krise herunter zu spielen oder zu vertuschen, bezieht das "Asiatische Forum für Menschenrechte und Entwicklung" (Forum-Asia): "Es ist alarmierend, dass viele Mitgliedstaaten drei Monate nach dem Ausbruch von Covid-19 noch keine klare Kommunikationsstrategie haben, um die Öffentlichkeit über die Situation zu informieren." Man habe beobachtet, dass Asean-Länder wie Indonesien, Myanmar, Laos und die Philippinen die Veröffentlichung von Informationen verzögert oder eingeschränkt hätten, um ihr Image zu bewahren.

Indonesiens Präsident Joko Widodo habe zunächst Reisen gefördert, indem er Anreize für den Tourismus schuf, kritisieren die Menschenrechtler. Später habe er eingeräumt, absichtlich Informationen über Regionen mit möglichen Covid-19-Fällen zurückgehalten zu haben, aus Angst vor öffentlichem Aufruhr. Andere Staaten wie Thailand, Myanmar und Singapur wiederum bedienten sich repressiver Regelungen wie "Anti-Fake-News"-Gesetzen, um berechtigte Zweifel und Ängste über die Situation zu unterdrücken.  

Es fehlt sauberes Wasser

Hinzu kommt, dass Corona-Infektionen in einigen Regionen zunächst mit anderen Krankheiten verwechselt werden. Laut einem in Singapur ansässigen Ärzteteam erschwert ein zeitgleicher Ausbruch von Dengue-Fieber in Singapur, Malaysia und den Philippinen die Bemühungen, den Krankheitsverlauf von Corona zurück zu verfolgen und einzudämmen. Die Symptome seien ähnlich, schreiben die Mediziner in der Fachzeitschrift "The Lancet".

Viele Menschen gerade in den dicht bevölkerten Armenvierteln südostasiatischer Großstädte können außerdem die Vorbeugungsmaßnahmen nicht umsetzen. Vielerorts fehlt sauberes Wasser. Und um einen Vorrat an Lebensmitteln anzulegen, um seltener rauszugehen, fehlt der Bevölkerung oftmals schlicht das Geld. "Menschen, die an oder nahe der Armutsgrenze leben, haben oft keine verfügbaren Barmittel und können nicht so einfach Lebensmittel horten", teilten die Entwicklungsforscher des in Großbritannien ansässigen "Overseas Development Institute" mit. Städtische Slums seien "hotspots" für die Ausbreitung. Das Virus werde eine weitere Quelle der Verelendung sein.