Expertin: Pflegebedürftige Menschen erfahren noch mehr Einsamkeit

epd-bild / Jörn Neumann Die Gerontologin Adelheid Kuhlmey schätzt für pflegebedürftige Senioren die sozialen Folgen der Corona-Krise genau so groß ein wie die Gefahren für ihre körperliche Gesundheit. Die Einsamkeit dürfte weiter zunehmen, sagte sie im Gespräch mit dem epd.

23.03.2020

In der Corona-Krise sind alte, pflegebedürftige Menschen nach Auffassung der Gerontologin Adelheid Kuhlmey in besonders hohem Maße von sozialer Isolation bedroht. "Sie sind abhängig von sozialen Kontakten und von Mitmenschlichkeit, und nun besteht Solidarität häufig darin, dass ihre Angehörigen sie gerade nicht besuchen, sondern dass sie wegbleiben", sagte die Direktorin an der Berliner Charité dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Einsamkeit dürfte für diese gesundheitlich und seelisch ohnehin bereits verletzten Menschen weiter zunehmen, erklärte Kuhlmey.

Durch die reduzierten Kontakte würden pflegebedürftige Senioren weniger Nähe, weniger Berührungen erfahren, führte Kuhlmey aus. "Es werden ihnen weniger tröstende Worte ins Gesicht gesagt, es wird ihnen seltener die Hand gehalten." Die Altersexpertin schätzt daher für ambulant Pflegebedürftige die sozialen Folgen der Corona-Krise genau so groß ein wie die Gefahren für ihre körperliche Gesundheit. Eine besondere Schwierigkeit komme hinzu, wenn der alte Mensch auch noch demenziell erkrankt sei und die Veränderungen nur schwer verstehen könne, sagte die Expertin.

Öfter und regelmäßig telefonieren

Kuhlmey, die Mitglied im Deutschen Ethikrat ist, rät Angehörigen mit Nachdruck, mit ihren Eltern nun noch öfters zu telefonieren. "Ganz wichtig ist Verlässlichkeit, das heißt immer zur gleichen Zeit anzurufen." So drückten sie ihre Verbundenheit aus: "Ich bin immer für dich da, auch wenn ich nicht bei dir sein kann." Das sei in der aktuellen Krise "so wichtig wie noch nie". Enkelkinder und Urenkel könnten Bilder malen, Karten schreiben, Fotos schicken. Die Gerontologin betonte aber auch, bei allem die Senioren einzubeziehen, sie nach ihren Wünschen und ihrer Meinung zu fragen. "Sie sind wie autonome Personen zu behandeln."

Insgesamt bleibe es dennoch eine individuelle Risikoabwägung. Es könne für Angehörige, die berufstätig sind und daher relativ vielen Menschen begegnen, ratsam sein, die persönlichen Kontakte zu Pflegebedürftigen auf null zu setzen, während die Tochter, die nicht zur Arbeit muss, einen Besuch bei ihrer alten Mutter eher riskieren könne.

Eine Gruppe muss nach wie vor die Pflegefälle zu Hause aufsuchen. Das sind die Sozialdienste. "Vor ihnen ziehe ich den Hut", sagt Kuhlmey. Sie könnten derzeit einer Ansteckung allenfalls mit einer Atemschutzmaske begegnen.