Högel-Prozess: Verteidigerinnen fordern Freispruch in 31 Fällen

epd-bild/Julian Stratenschulte/dpa-Pool Die Verteidigerinnen Ulrike Baumann (rechts) und Kirsten Hüfken am ersten Prozesstag im Oktober 2018

05.06.2019

Im Mordprozess gegen den ehemaligen Krankenpfleger Niels Högel hat die Verteidigung eine Verurteilung in 55 Fällen wegen Mordes und in 14 Fällen wegen versuchten Mordes gefordert. In 31 Fällen verlangte sie einen Freispruch. In ihren Plädoyers vor dem Landgericht Oldenburg sprachen sich die Verteidigerinnen Ulrike Baumann und Kirsten Hüfken am Mittwoch zudem gegen eine anschließende Sicherungsverwahrung ihres Mandanten aus. (AZ: 5Ks 1/18)

Das Verfahren ist der größte Serienmord-Prozess der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der 42-jährige Angeklagte selbst nutzte sein letztes Wort im Prozess, um bei Angehörigen der Opfer, Kollegen und seiner Familie um Entschuldigung für seine Taten zu bitten: "Ich wünsche mir für Sie alle, das Sie nach dem abschließenden Urteil Frieden finden können", sagte Högel.

Laut Anklageschrift 100 Patienten vergiftet

Laut Anklageschrift soll Högel zwischen 2000 und 2005 insgesamt 100 Patienten vergiftet haben: in Oldenburg 36 und in Delmenhorst 64. Er soll ihnen Medikamente verabreicht haben, die zum Herzstillstand führten, um sie anschließend reanimieren zu können und vor Kollegen als kompetenter Retter zu glänzen. Im Laufe des Prozesses räumte er 43 Mordvorwürfe ein. Vor drei Wochen hatte die Staatsanwaltschaft lebenslange Haft in 97 Fällen gefordert. In drei Fällen sei der Angeklagte mangels ausreichender Beweise freizusprechen.

Baumann und Hüfken schlossen sich in ihrer Einschätzung der einzelnen Fälle teilweise der Staatsanwaltschaft und weitgehend den Ausführungen des medizinischen Gutachters Professor Wolfgang Koppert an. Dieser hatte dargelegt, mit welcher Wahrscheinlichkeit Högel für den Tod der Patienten verantwortlich war.

Die Verteidigerinnen stellten allerdings alle Fälle infrage, in denen der Wirkstoff Lidocain eine Rolle gespielt haben könnte. Seine Nachweisbarkeit in Gewebeproben sei nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht. Damit sei seine Aussagekraft als Beweismittel anzuzweifeln.

Urteil für Donnerstag erwartet

Ihre Aufgabe sei es, in der Strafsache Högel die Fakten vorzubringen, die für den Angeklagten sprächen, sagte Baumann zum Auftakt des 23. Verhandlungstages. So habe der Angeklagte seine Taten stets mit dem Vorsatz begangen, sie mit einer erfolgreichen Reanimation abzuschließen. Zudem müsse in allen Fällen für den Angeklagten entschieden werden, in denen der Gutachter eine Vergiftung durch Högel lediglich für möglich hielt.

Wegen weiterer Taten verbüßt Högel bereits eine lebenslange Haftstrafe. Seit 2009 sitzt er im Gefängnis. In dem für Donnerstag anstehenden Urteil soll eine Gesamtfreiheitsstrafe gebildet werden. Die Staatsanwaltschaft hatte zudem beantragt, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Das Gericht muss außerdem über eine anschließende Sicherungsverwahrung entscheiden. Dies hatten drei Nebenklagevertreter gefordert.