Historiker Wolffsohn gegen Abnahme von Wittenberger «Judensau»

epd-bild/Jens Schlüter Die Interpretation von Geschichte bedeute immer auch ein Positionieren in der Gegenwart, sagt der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn.

06.06.2019

Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn hat sich gegen eine Entfernung der mittelalterlichen Spottplastik "Judensau" von der Fassade der Wittenberger Stadtkirche ausgesprochen. Die Interpretation von Geschichte bedeute immer auch ein Positionieren in der Gegenwart, sagte er "MDR Kultur" am Donnerstag.

"Ich kann das nicht vergessen machen, aber ich kann mich dazu positionieren", sagte Wolffsohn. Eine Entfernung führe hingegen dazu, sich nicht mehr mit einem Thema auseinanderzusetzen. "Wegwischen ist im Grunde genommen Selbstbetrug", erklärte Wolffsohn .

Sandsteinrelief aus dem 13. Jahrhundert

Das Sandsteinrelief stammt aus dem Jahr 1280 und zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt der Sau unter den Schwanz und in den After. Mit solchen Plastiken sollten im Mittelalter unter anderem Juden davon abgehalten werden, sich in der jeweiligen Stadt niederzulassen.

1570 wurde die Wittenberger Plastik an ihren heutigen Standort an der Südfassade der Kirche umgesetzt und mit der Inschrift "Rabini Schem HaMphoras" versehen. Der hebräische Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden nimmt Bezug auf eine antisemitische Schmähschrift des Wittenberger Reformators Martin Luther (1483-1546), der vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte.

Die Debatte um eine mögliche Entfernung der Plastik hatte zunächst im Jahr des 500. Reformationsjubiläums 2017 wieder an Fahrt aufgenommen. Am 24. Mai 2019 wies das Landgericht Dessau-Roßlau eine Klage gegen die Stadtkirchengemeinde ab. Der Kläger Michael Düllmann, der der jüdischen Gemeinde in Berlin angehört, fühlt sich von der Plastik beleidigt und begehrt ihre Entfernung. Er hat angekündigt, gegen das Urteil Rechtsmittel einzulegen.