Tafel-Vorsitzender: «Wir holen Armut aus dem Dunkeln»

epd-bild/Udo Gottschalk Die Träger der fast 1.000 Tafeln in Deutschland beraten in Köln.

06.06.2019

Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln, Jochen Brühl, fordert mehr Wertschätzung für Lebensmittel. "Jeder Bundesbürger wirft im Jahr 82 Kilogramm Lebensmittel weg", sagte er am Donnerstag zum Auftakt der bundesweiten Mitgliederversammlung der 947 Tafeln in Deutschland in Köln. Brühl appellierte an die Bürger, selbst aktiv zu werden und das eigene Konsumverhalten kritisch zu überdenken: "Klimaschutz fängt im eigenen Kühlschrank an."

Es sei höchste Zeit, nicht nur über Probleme zu reden, sondern endlich aktiv zu werden: "Gestalten Sie mit an dieser Gesellschaft", forderte Brühl. Die Tafeln retten jährlich rund 264.000 Tonnen Lebensmittel vor der Vernichtung und geben sie an 1,5 Millionen Nutzer der Tafeln weiter.

"Wollen den Sozialstaat nicht ersetzen"

Seit dem Jahr 2007 habe sich die Zahl der Nutzer verdoppelt, die Anzahl der Tafeln aber keineswegs, berichtete Brühl. "Wir sind ein Zusatzangebot, aber wir können und wollen den Sozialstaat nicht ersetzen." 23 Prozent der Nutzer der Tafeln seien Rentner.

"Zu unseren Kunden gehört die Rentnerin, die vier Putzstellen hat und trotzdem nicht über die Runden kommt", sagte Brühl. Es komme aber auch die alleinerziehende Mutter, der Flüchtling oder die vierfache Mutter, deren Familieneinkommen einfach nicht reiche: "Wir holen Armut aus dem Dunkeln."

Gleichzeitig warb Brühl dafür, das Ehrenamt zu unterstützen und mehr zu würdigen. Für die Tafeln in Deutschland engagierten sich 60.000 Menschen, ohne deren Hilfe die Tafeln nicht existieren könnten. "Das Thema Nachwuchs stellt sich auch bei uns. Zurzeit sind nur zwei Prozent unserer Ehrenamtlichen unter 30 Jahre alt." Brühl geht davon aus, dass es auch in zehn Jahren noch Tafeln geben wird. Es sei naiv zu denken, dass sich auf absehbare Zeit viel ändern werde. "Denn zurzeit wird die soziale Schere immer größer." Immer mehr Menschen fühlten sich abgehängt. Deswegen sei mehr denn je gesellschaftliches Engagement gefordert.