Kohlgraf: Regensburger Anwalt soll Missbrauchsfälle aufklären

epd-bild/Andrea Enderlein Das katholische Bistum Mainz hat den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber damit beauftragt, das Ausmaß von Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen im Bistum aufzuklären.

07.06.2019

Bischof Peter Kohlgraf erklärte am Freitag in Mainz, Gegenstand von Webers zunächst auf zwei Jahre angesetzter Arbeit seien alle Fälle sexueller Gewalt seit 1945. Weber hatte sich zuvor bereits in einem ähnlichen zweijährigen Projekt mit körperlicher und sexueller Gewalt bei den Regensburger Domspatzen befasst. Das Bistum Mainz sicherte dem Anwalt völlige Unabhängigkeit zu.

Im Kern erhoffe sich das Bistum Antworten auf drei Fragen, erklärte Kohlgraf: Es müsse geklärt werden, ob bestimmte Rahmenbedingungen im Bistum sexuelle Gewalt begünstigt oder deren Verfolgung behindert hätten, wie die Kirchenleitung mit bekanntgewordenen Fällen umging und ob es in Einrichtungen des Bistums weitere, bislang unbekannte Fälle gab. In Gesprächen mit Betroffenen sei ihm mehrfach signalisiert worden, es gebe weitere noch nicht bekannte Taten und Opfer, sagte der Bischof: "Dieses verborgene Wissen ans Licht zu bringen und auszuwerten, ist uns ein großes Anliegen."

Warnung vor überzogenen Hoffnungen

Weber, der zur Vorstellung des Aufklärungsprojekts nach Mainz gekommen war, warnte vor überzogenen Hoffnungen an seine Arbeit. Die "absolute Wahrheit" über alle Geschehnisse werde auch er nicht präsentieren können. Es gehe ihm um "bestmögliche Aufklärung". In den kommenden beiden Jahren will der Anwalt mit möglichst vielen Betroffenen, Beschuldigten und Menschen aus deren Umfeld ins Gespräch kommen. Er hoffe darauf, dass auch Menschen die sich bislang nicht bei den kirchlichen Beauftragten gemeldet haben, Vertrauen zu ihm in seiner Rolle als externer Aufklärer aufbauen könnten.

Außerdem will Weber gezielt bereits strafrechtlich geprüfte Fälle untersuchen und auf das Umfeld von betroffenen Personen zugehen. Zum Abschluss seiner Arbeit wolle er einen anonymisierten Bericht vorlegen. Die "Veröffentlichungshoheit" und somit die Entscheidung über den genauen Zeitpunkt und die Inhalte des Textes lägen bei ihm und seinem Mitarbeiterteam.

Akten wurden bereits übergeben

Nach Beginn der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche hatte das Bistum Mainz bereits Akten zu insgesamt 199 Fällen an die Generalstaatsanwaltschaften Koblenz und Frankfurt übergeben. Opfer erhielten insgesamt 288.000 Euro an Wiedergutmachungsleistungen.

Nach einer im Herbst 2018 vorgestellten Studie waren in den Unterlagen des Bistums aus dem Zeitraum von 1946 bis 2017 Hinweise auf 169 Missbrauchsopfer, in der Mehrzahl Jungen, und 53 beschuldigte Priester und Diakone gefunden worden. Fälle in denen es sich bei den mutmaßlichen Tätern nicht um Geistliche handelte, blieben dabei unberücksichtigt.