Kinderpsychiater: Missbrauch gräbt sich in Seele der Opfer

epd-bild / Steffen Schellhorn Opfern jahrelangen sexuellen Missbrauchs wie im lippischen Lügde drohen nach Ansicht des Münsteraner Kinderpsychiaters Georg Romer schwerwiegende seelische Traumafolgen.

06.02.2019

"Wahrscheinlich ist, dass über eine so lange Zeit des Missbrauchs und des Versagens der Schutzfunktion der Erwachsenenwelt beim betroffenen Kind eine tiefgreifende Erschütterung des Weltbildes und auch des eigenen Selbstbildes entstanden ist", sagte Romer dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Neben der erfahrenen sexuellen Grenzverletzung, die meist mit Angst, Ekel und auch Schmerz verbunden sei, habe die perfide Täterstrategie des wiederholten Gefügigmachens bei den Opfern wahrscheinlich tiefe Spuren hinterlassen. "Der stattgefundene Missbrauch, der uns spontan massiv entsetzt, ist für das Kind zur Normalität geworden", erklärte der Professor.

Stammt der Täter aus der Alltagswelt des Opfers, könne er durch Nettigkeiten und Geschenke bewirken, dass dem missbrauchten Kind neben dem Vertrauen in eine schützende Erwachsenenwelt das "Störempfinden" allmählich abhandengekommen sei. "Es fühlt sich mit dem Täter emotional verbunden und spürt das Ausmaß des an ihm begangenen Verbrechens möglicherweise emotional kaum noch als Unrecht", erläuterte der Direktor der Kinderpsychiatrie an der Uni-Klinik Münster.

Ängste und Alpträume

Die Folge davon könne sein, dass sich die schlechten Gefühle, die ein missbrauchtes Kind erlebe, gegen die eigene Person richten. "Ein Grundgefühl, selbst schlecht und wenig wert zu sein, es nicht anders verdient zu haben als benutzt zu werden, kann sich neben anhaltenden Schuldgefühlen tief in der Seele des Kindes eingraben", sagte Romer. Zudem könnten Erinnerungen an traumatisch Erlebtes in Form von Ängsten, Alpträumen oder quälenden inneren Bildern sehr belastend sein.

Kinderschutzambulanzen und Trauma-Ambulanzen böten den Opfern schnelle und unbürokratische therapeutische Hilfen an. Daneben gebe es ein Netz von spezialisierten Beratungsstellen, die über das Jugendamt vermittelt würden. Auch niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie -psychiater seien geeignete Ansprechpartner.

Um Kinder und Jugendliche vor sexuellen Übergriffen zu schützen, rät Romer Eltern, möglichst früh über Missbrauch und die Gefahr von sexuellen Übergriffen aufzuklären. "Noch wichtiger ist es, in jedem Kind das Gefühl wachsen zu lassen, dass es ein unumstößliches Recht auf Selbstbestimmung in puncto körperliche Nähe hat", betonte der Kinderpsychologe. So lerne es, ein gesundes Störempfinden zu entwickeln und selbstbewusst von sich aus "Nein" zu sagen.