Steinmeier wirbt für demokratischen Patriotismus

epd-bild/Martin Schutt/dpa-Pool Sie steht für Aufbruch und Scheitern: Vor 100 Jahren nahm die Weimarer Republik ihren Anfang. Bei den Feiern am Mittwoch gab es auch mahnende Worte zu aktuellen Angriffen auf die Demokratie.

06.02.2019

Mit eindringlichen Appellen zum Einsatz für Demokratie und eine gerechte Gesellschaft ist am Mittwoch an die Eröffnung der Weimarer Nationalversammlung vor 100 Jahren erinnert worden. Bei einem Festakt im Deutschen Nationaltheater in Weimar sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, die Demokratie sei auf Loyalität, Vertrauen und das Engagement derer angewiesen, die in ihr leben. Dabei warb er zugleich auch für Symbole des demokratischen Patriotismus: Die Farben Schwarz-Rot-Gold seien das Wahrzeichen der deutschen Demokratie. "Überlassen wir sie niemals den Verächtern der Freiheit", verlangte Steinmeier in seiner Rede vor rund 800 Gästen, darunter die Spitzen von Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat und Justiz.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) würdigte wie zuvor Steinmeier die Weimarer Reichsverfassung als Meilenstein für die Entwicklung der Demokratie in Deutschland. Er verwies auf die in ihr verankerten Grundrechte wie etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter und die erstmalige Verpflichtung des Staates, allen Bürgern ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen.

Kirchen dringen auf Frieden und Gerechtigkeit

Unter den Gästen war neben Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (beide CDU) und dem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes, Andreas Voßkuhle, auch der Bundesratspräsident, der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU). Außerdem waren neben Weimarer Bürgern zahlreiche Bundestagabgeordnete, Ministerpräsidenten und Landespolitiker vor Ort.

Vor 100 Jahren, am 6. Februar 1919, waren erstmals die neu gewählten Mitglieder des Parlaments der ersten deutschen Republik in Weimar zusammengekommen. Ihre Aufgabe nach dem Ende der Kaiserzeit und des Ersten Weltkrieges war unter anderem die Ausarbeitung und Verabschiedung einer demokratischen Verfassung.

Vor dem Festakt wurde mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Weimarer Herderkirche an die konstituierende Sitzung der Nationalversammlung erinnert. In ihrer gemeinsamen Predigt riefen die Bischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, und der katholische Bischof des Bistums Erfurt, Ulrich Neymeyr, dazu auf, sich für eine gerechte und friedliche Gesellschaft einzusetzen.

Demokratiegegner versprachen "einfache Lösungen"

Dabei erinnerten sie auch an die Gegner der Demokratie, die in der Weimarer Republik letztlich stärker gewesen seien. "Sie versprachen einfache und radikale Lösungen", sagte Junkermann. Die Folgen unter den Nationalsozialisten seien aber grausam und unmenschlich gewesen.

Bereits vor 100 Jahren waren Vertreter der Weimarer Nationalversammlung vor Beginn ihrer ersten Sitzung - damals nach Konfessionen getrennt - in der Herderkirche und der Herz-Jesu-Kirche zu Gottesdiensten zusammengekommen. Dabei stand heute wie damals ein alttestamentarisches Bibelwort aus dem 29. Kapitel des Propheten Jeremia im Mittelpunkt der Predigt. Darin heißt es unter anderem: "Suchet der Stadt Bestes" und "Ich gebe euch Hoffnung und Zukunft".

An das historische Datum wurde am Mittwoch in der Klassikerstadt auch mit anderen Veranstaltungen erinnert. Unter anderem fand ein bis zum Abend dauerndes Bürgerfest im Jugend- und Kulturzentrum "mon ami" statt. Dort konnten Besucher unter anderem mit Nachfahren der Parlamentarier der Weimarer Republik ins Gespräch kommen.

Auftakt für Jahr der Demokratie

Zugleich war der Festakt der Auftakt für ein Jahr der Demokratie 2019. Zu den herausragenden Jubiläen der kommenden Monate zählen unter anderem 70 Jahre Verabschiedung des Grundgesetzes sowie die friedliche Revolution vor 30 Jahren in der DDR und der Fall der Berliner Mauer.

Nach den Wahlen am 19. Januar 1919 zur deutschen Nationalversammlung waren die Abgeordneten unter anderem wegen der angespannten Lage in der Reichhauptstadt erstmals Anfang Februar in Weimar zusammengekommen. Bereits wenige Tage später, am 11. Februar 1919, wählte die Nationalversammlung Friedrich Ebert (SPD) zum Reichspräsidenten und beauftragte Philipp Scheidemann (SPD) mit der Bildung einer Reichsregierung, die am 13. Februar ihre Geschäfte aufnahm.

Die Reichsverfassung wurde am 31. Juli 1919 verabschiedet. Mit der Weimarer Verfassung erlangte Deutschland seine erste effektive demokratische Verfassung. Mit der Einführung des Frauenwahlrechts, des Acht-Stunden-Arbeitstages, der Trennung von Staat und Kirche und der Begründung des sozialen Rechtsstaats galt sie vor 100 Jahren als eine der modernsten Verfassungen weltweit. Nach dem Ort ihrer Verabschiedung wird das Deutsche Reich in der Zeit von 1919 bis 1933 als Weimarer Republik bezeichnet.