Das seelische Sodbrennen eines Muttersöhnchens

epd-bild/Camino Filmverleih/Julien Panié Charlotte Gainsbourg überrascht als unerbittliches Muttermonster in "Frühes Versprechen", einer neuen Verfilmung des autobiografischen Schlüsselwerks "Erste Liebe - letzte Liebe" vom großen französischen Romanciers Romain Gary.

07.02.2019

"Fahr nach Berlin und erschieße Hitler!" befiehlt Nina Kacew 1938 ihrem Sohn, der folgsam eine Fahrkarte von Nizza nach Berlin - nur Hinfahrt - löst, bevor die Mutter ihren Befehl dann doch zurücknimmt. Da aber Romain stets jeden mütterlichen Wunsch übererfüllte - er wurde französischer Kriegsheld, Diplomat, zweifacher Prix-Goncourt-Preisträger, Filmregisseur (und Ehemann von Jean Seberg) - darf man fragen, wie die Weltgeschichte verlaufen wäre, hätte seine Mutter das Attentat nicht abgeblasen. Zwar hat Gary sein 1960 veröffentlichtes autobiografisches Schlüsselwerk "Erste Liebe - letzte Liebe", das in Frankreich Schullektüre ist, komödiantisch mit fiktiven Elementen zugespitzt. Viel hinzudichten musste er jedoch nicht, denn sein Leben verlief ohnehin wie ein Abenteuerroman.

Anders als im Buch hat der Film eine in den 60er Jahren angesiedelte Rahmenhandlung, die auf den Erinnerungen von Garys erster Ehefrau basiert. In einer opulenten Bebilderung von Garys frühen Lebensstationen Vilnius, Nizza, Paris und seiner Zeit als Pilot in De Gaulles Résistance-Armee, entrollt sich in Rückblenden die schelmische Chronik eines Wunderkindes, das mit seinen Talenten und Leistungen wie ein Renaissance-Mensch anmutet.

Tyrannische Liebe

Im Zentrum steht jedoch nicht Romain, sondern seine alleinerziehende Mutter Nina, aschkenasische Jüdin im von russischen, polnischen und litauischen Nationalinteressen umkämpften Vilnius, die ihrem Sohn die Bürde auferlegt, ein großer Künstler zu werden und sie stolz zu machen. Ninas tyrannische Liebe zu Romain geht Hand in Hand mit ihrer zweiten großen Liebe zu Frankreich, das sie als Paradies der Aufklärung und zivilisatorischen Verfeinerung idealisiert.

Interessant gegen den Strich besetzt - in der ersten Verfilmung von 1970 spielte Melina Mercouri die vereinnahmende Mutter - erweist sich die sonst so labil auftretende Charlotte Gainsbourg als furchterregend starker Frauencharakter. In Übermutter Nina vereinen sich Größenwahn und Scharfsinn, sie macht Romain zu ihrem Abgott und zu ihrem Sklaven, über ihren Tod hinaus.

Mütterliche Naturgewalt

Angesichts dieser mütterlichen Naturgewalt hat besonders Pierre Niney als erwachsener Romain eine undankbare Rolle. Oft geradezu fassungslos registriert der Sohn die Tatkraft und Chuzpe, mit der sie sich in den Wirren der Vorkriegszeit als Emigrantin neu erfindet: zunächst als Exschauspielerin und arme Schneiderin in Vilnius, die trickreich die gute Gesellschaft bezirzt, dann im Sehnsuchtsland Frankreich als Hotelbetreiberin. Der geförderte und geforderte Sohn, der mit seiner Mutter mitleidet, der durch den offenen polnischen und den versteckten französischen Antisemitismus gedemütigt wird, lernt selbst zu bluffen, wenn er vor ihr so manche Niederlage beschönigt.

Aus dem Off kommentiert Ich-Autor Romain beider Schicksale mit viel Selbstironie, ohne Mama je der Lächerlichkeit preiszugeben. Doch die Unentrinnbarkeit dieser widersprüchlichen Beziehung, das unheilbare seelische Sodbrennen eines Muttersöhnchens, verleiht dieser etwas brav inszenierten Schelmengeschichte eine anhaltende Intensität.