Das Chamäleon des Jazz

epd-bild/Isabel Guzmán Im Jahr 1846 meldete der Belgier Adolphe Sax ein besonderes Patent an. Er hatte ein neues Instrument erfunden, das seinen Namen weltbekannt machen sollte - das Saxofon. Dabei hatte seine Mutter befürchtet: Das Kind Adolphe wird nicht überleben.

07.02.2019

Jazzlegenden wie Charlie Parker und Paul Desmond haben es zelebriert: Das Saxofon kann bittersüß und bluesig klingen, überraschend extrem oder weich und flötengleich. Ihm werden eine große Dynamik und Vielseitigkeit bis hin zu avantgardistische Klangmöglichkeiten nachgesagt. Erfunden wurde es Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Belgier Adolphe Sax (1814-1894). Er konstruierte das nach ihm benannte Instrument in der Brüsseler Werkstatt seines Vaters. 1846 erhielt er in Frankreich das Patent auf seine - in insgesamt acht Größen gefertigten - Saxofone für sämtliche Tonlagen.

Doch seine bahnbrechende Erfindung brachte ihm zu Lebzeiten wenig Glück. Der Neid anderer Instrumentenbauer bis hin zu Klagen, er habe das Saxofon gar nicht erfunden, belasteten ihn - nicht zuletzt finanziell. Nach der Niederlage des französischen Militärs 1870 und der darauffolgenden schlechten wirtschaftlichen Lage verlor er seine Stelle als Lehrer am Pariser Konservatorium. Zudem sank die Nachfrage nach Saxofonen. 1877 musste Sax Konkurs anmelden. Am 7. Dezember 1894, vor 125 Jahren, starb der Musiker verarmt in Paris.

Für Freiluftkonzerte bestens geeignet

In die französische Metropole war der Belgier 1842 mit seinem noch namenlosen Instrument im Gepäck gegangen, weil er seine Erfindung weiterentwickeln und vermarkten wollte. Es fehlten ihm Geldgeber. Einen glühenden Unterstützer fand er im Komponisten Hector Berlioz. Dieser schrieb den wohl ersten Artikel über das Saxofon und schwärmte darin über den Ton: "Er ist voll, weich, klingend und äußerst kraftvoll."

Tatsächlich hatte es einen wesentlich kräftigeren Klang als vorherige Blasinstrumente. Für Freiluftkonzerte war es bestens geeignet, daher fand es regen Einsatz in Militärkapellen.

Sax habe eine Art "Freiluftgeige" erfunden, witzelten Musiker später. Gerade im Freien klängen die meisten Instrumente zu grob oder zu schwach, hatte Adolphe Sax in seinem Patentantrag geschrieben. Seine Neuheit solle "im Charakter seiner Stimme den Streichinstrumenten nahekommen, aber mehr Kraft und Intensität besitzen" - zwischen dem warmen Klarinettenklang und dem eher durchdringenden Klang der Oboe.

Welt des Jazz

Den endgültigen Siegeszug trat das Saxofon erst in den 1920er Jahren an - und zwar in der Welt des Jazz. Der Musikkritiker Alfred Baresel nannte es 1929 "das wichtigste Melodieinstrument des Jazz". In der klassischen Orchesterliteratur setzten George Gershwin mit "Rhapsodie in Blue" und Maurice Ravel mit seinem "Bolero" dem Saxofon ein besonderes Denkmal. Adolphe Sax erlebte das alles nicht mehr.

Der geniale Erfinder war ohnehin kein geborener Held. In seiner belgischen Geburtsstadt Dinant nannten ihn alle "den kleinen Sax, das Gespenst". Adolphe war das älteste von elf Kindern. Seine Mutter hatte schon bald nach seiner Geburt geäußert: "Das Kind ist für das Leiden bestimmt. Es wird nicht überleben." Er fiel etwa vom dritten Stock aus dem Fenster, trank Chemikalien, vergiftete sich mit Lackdämpfen. Er verletzte sich bei einer Explosion und bekam einen Dachziegel auf den Kopf.

Begnadeter Klarinettist

Doch er überlebte. Sax studierte Flöte und Klarinette in Brüssel, wohin seine Eltern gezogen waren. Vater Charles-Joseph hatte dort eine Instrumentenwerkstatt eröffnet. Schnell wurde der junge Sax als begnadeter Klarinettist bekannt. In der Werkstatt seines Vaters verbesserte er zunächst die Klarinette. Später begann er mit der Entwicklung seines völlig neuen Instrumentes.

In der NS-Zeit wurde das Saxofon als "undeutsches bolschewistisch-negroides Judeninstrument" geächtet, wie der Berliner Saxofonist und Komponist Peter Weniger erzählt. Nur in Tanzorchestern wurde es geduldet. In der völkisch-nationalsozialistischen "Deutschen Kultur-Wacht" hieß es 1933: "Wenn es richtig gespielt wird, ohne die bisher üblichen Mätzchen, erweist es sich als ein wertvolles Hilfsmittel der Tanzmusik."

"Das Saxofon ist ein Chamäleon"

Heute ist das Saxofon in vielen verschiedenen Musikgenres präsent. Es erfreut sich im Pop, Rock und in der elektronischen Musik, aber auch in der Neuen Musik großer Beliebtheit. "Das Saxofon ist ein Chamäleon", resümiert der Schweizer Saxofonist und Präsident der Musikhochschule Lübeck, Rico Gubler.

2019 haben mehrere Landesmusikräte das Saxofon sogar zum "Instrument des Jahres" gekürt. In gleich neun Bundesländern, darunter Berlin, Bremen, Sachsen und Schleswig-Holstein, steht es im Fokus zahlreicher Veranstaltungen.

Gerühmt wird die Familie der Saxofone nach wie vor wegen ihrer Vielseitigkeit und Variabilität. Der Instrumentenbauer Norbert Walsch aus dem sächsischen Radebeul bestätigt das - und verweist zugleich auf einen gewissen "Kultstatus, der viele zum Musizieren verleitet": Zum Saxofon würden viele greifen, "weil sie es einfach cool finden".