Das Ringen mit der Schuldfrage

epd-bild / Steffen Schellhorn Die öffentliche Bestürzung nach Fällen von Kindesmissbrauch zieht schnell Schuldzuweisungen gegen Jugendämter nach sich. Die Hintergründe sind aber meist komplexer, als es auf den ersten Blick zu erkennen ist.

08.02.2019

Wenn ein Kind missbraucht, vernachlässigt oder gar getötet wird, ist die öffentliche Betroffenheit groß - vor allem, wenn Eltern oder Pflegeeltern verantwortlich sein sollen. Aktuell zeigt sich das bei dem Fall im nordrhein-westfälischen Lügde. Auf einem Campingplatz sollen mindestens 30 Kinder von drei Männern sexuell missbraucht worden sein. Unter den Opfern war auch das Pflegekind des Hauptverdächtigen. Das örtliche Jugendamt kannte den Mann.

Immer wieder gibt es solche Fälle, bei denen Jugendämter bereits involviert sind und dennoch ein Kind zu Schaden kommt: etwa das dreijährige Mädchen, das 2018 im norddeutschen Wolgast schweren Verbrühungen erlag oder die Zweijährige, die 2013 bei Berlin nach Misshandlungen starb.

Verkettung von Fehlern

Die Bestürzung über das Leid von Kindern und Schuldzuweisungen an Verantwortliche bei den Jugendämtern müssten allerdings klar voneinander getrennt werden, sagte Heinz Kindler, Leiter der Fachgruppe Familienhilfe und Kinderschutz am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München dem Evangelischen Pressedienst (epd): "Bei allen Formen von Gefährdung handelt es sich um hochgradig verdeckte Ereignisse." Einige Hinweise erschlössen sich erst im Nachhinein, gingen zunächst unter oder würden falsch verstanden. Es könne auch vorkommen, dass die betroffenen Kinder und Menschen aus ihrem Umfeld aus unterschiedlichsten Gründen schweigen.

"Das bedeutet nicht, dass Fachkräfte nichts falsch machen können", sagt Kindler. Allerdings sei es auch nicht immer ein Versagen des Jugendamtes, wenn eine Gefahr für ein Kind trotz Begleitung unentdeckt bleibt. Oft gebe es eine Verkettung von Fehlern.

Hintergründe in den Medien oft zu vereinfacht dargestellt

Aus Sicht des Jugendamts in Bochum werden solche Hintergründe in den Medien oft zu vereinfacht dargestellt. "Manchmal habe ich den Eindruck, dass zu sehr nach Fehlern gesucht wird und keiner auf die Möglichkeiten der Jugendhilfe und die Voraussetzungen in den Jugendämtern schaut", sagt Ruth Piedboeuf-Schaper, die Leiterin des Sozialen Dienstes Bochum.

Vor mehr als zehn Jahren wurde in der Ruhrgebietsstadt ein Baby misshandelt und starb. Das Amt kannte die Familie, räumte Fehler ein. Einige Kollegen hätten damals ihre Arbeit beim Jugendamt beendet, erinnert sich die Sozialarbeiterin. Sie hätten die Ereignisse nicht verarbeiten, mit dem Druck nicht mehr umgehen können.

Bei der Entscheidung, ob ein Kind aus einer Familie genommen werden muss oder nicht, entstehe immer ein Zwiespalt, erklärt Piedboeuf-Schaper. "So eine Inobhutnahme ist natürlich ein enormer Eingriff in das Recht der Eltern." Deshalb würden Unsicherheiten immer wieder in Teams beraten.

Vier Fehlerquellen

Das Schutzsystem setzt in Deutschland aber schon viel früher an: "Was wir in erster Linie machen, ist Hilfen anbieten und nicht erst eingreifen, wenn die Krise schon da ist", sagt der Bochumer Jugendamtsleiter Jörg Klingenberg. Das sei natürlich nicht so aufsehenerregend wie die erschreckenden Einzelfälle.

Die Forschung habe vor allem vier Fehlerquellen identifiziert, erklärt Kindler: "Informationen bleiben verteilt, so dass kein Gesamtbild entsteht. Es gibt kein Konzept der Gefährdungsabklärung, sondern ein eher willkürliches, an der Oberfläche bleibendes Agieren. Mit dem Kind wird nicht gesprochen. Und Widersprüche werden nicht bearbeitet."

Viele Jugendämter überlastet

Zudem sind laut einer 2018 veröffentlichten Studie der Hochschule Koblenz viele Jugendämter überlastet. Es gebe oft zu wenig Personal für zu viele Fälle und einen hohen Verwaltungsaufwand. Viele Mitarbeiter betreuten 50 bis 100 Fälle. Gewerkschaften fordern eine Begrenzung auf 28 Fälle.

Im Hilfesystem gebe es an vielen weiteren Stellen Verbesserungsbedarf, erklärt Kindler. Fachkräfte bräuchten beispielsweise genug Training für Gespräche mit Kindern. Er schlägt zudem ein System vor, in dem erfasst wird, was aus den einzelnen Kindern wird, so dass das Vorgehen der Ämter systematisch analysiert und Lehren für die Zukunft gezogen werden könnten.