Bauhaus für Obdachlose

epd-bild/Rolf Zoellner Ein Obdachlosenheim in neuestem Design, gebaut von einem namhaften Architekten - das war "Die Teupe", als sie 1930 fertiggestellt wurde. Der Gebäudekomplex in Berlin-Neukölln hat seither eine wechselvolle Geschichte erlebt.

12.03.2019

Auf der Suche nach Bauhaus-Architektur bietet Berlin zahlreiche Adressen: Einige Großsiedlungen aus der Weimarer Zeit sind seit 2008 sogar als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. Nicht auf den einschlägigen Listen für Häuser im Stil des Neuen Bauens findet sich "Die Teupe", benannt nach der Adresse in der Teupitzer Straße, im Osten begrenzt vom S-Bahnring und im Süden vom Kielufer mit dem Landwehrkanal.

Der als Obdachlosenasyl entworfene Gebäudekomplex wurde zwischen 1928 und 1930 errichtet, "radikal im Stil der Neuen Sachlichkeit und in starker Ähnlichkeit mit dem nur ein Jahr vorher eingeweihten Dessauer Bauhaus", erklärt der Berliner Architekturhistoriker Werner Jockeit. 100 Jahre nach Gründung des Bauhauses in Weimar im Jahr 1919 ist die damalige Radikalität des Entwurfes bei der Teupe heute aber nur noch zu erahnen. Der Blick auf das Gebäudeensembles ist teilweise verbaut. In dem denkmalgeschützten Komplex befinden sich aktuell unter anderen ein Kindergarten, ein Wohnheim für obdachlose Familien, Werkstätten für Langzeitarbeitslose und der Sitz eines sozialen Trägers, der Kubus gGmbH, der auch das Gebäude gehört.

Unterkünfte für die Bedürftigen

Entworfen hat den aus mehreren Baukuben mit unterschiedlichen Geschosshöhen bestehenden Bau auf einem mehrfach abgewinkelten Grundriss der Architekt Karl Bonatz (1882-1951), seit 1927 SPD-Baustadtrat von Neukölln und späterer Stadtbaudirektor in Westberlin. Die Weltwirtschaftskrise Ende der 20er Jahre hatte die Zahl der Wohnungslosen massiv in die Höhe getrieben, so dass im erst 1920 gegründeten Groß-Berlin dringend Unterkünfte für die Bedürftigen benötigt wurden. Doch das Obdachlosenwohnheim - mit Flachdach, großen Stahlfenstern, glatten weißen Fassaden und im Inneren unter anderem mit einem modernen Belüftungssystem ausgestattet - blieb erst einmal leer.

"Niemand will ins Asyl" titelte etwa das "8 Uhr Abendblatt" am 24. März 1931. Der Zeitungsartikel ist eines der wenigen Zeugnisse, die im Archiv des Museums Neukölln zur Teupe zu finden sind. Als Grund für den weitgehenden Leerstand heißt es in dem Artikel, "die von den zuständigen Stellen ständig ergehende Warnung vor dem Zuzug nach Berlin wurde beherzigt". Und außerdem habe die "bessere Organisation der Wohlfahrtspflege" dazu beigetragen. So diente die Teupe mit ihren fast 500 Schlafplätzen 1931 auf der Deutschen Bauausstellung in Berlin zunächst als Musterbeispiel für einen Bau im Stil der Neuen Sachlichkeit.

Umbau zur Jugendherberge

1932 wird der Bau zu einer Jugendherberge umgebaut. Nach Übernahme durch den Reichsverband für deutsche Jugendherbergen wird das Gebäude ab 1933 zum "Haus der Jugend", erweitert und "entsprechend dem heimatstilorientierten Geschmack der Nationalsozialisten 'verschönert'", wie Jockeit in dem Band "100 Jahre Bauen für Neukölln" aus dem Jahr 2005 schreibt. Am "Tag der HJ" im September 1938 ist festliche Wiedereröffnung.

Teupe-Architekt Bonatz befindet sich da schon fast ein Jahr im Zwangsruhestand. Trotz seines Austritts aus der SPD 1933 und der Scheidung von seiner jüdischen Ehefrau Martha, geborene Loeb, war er laut Jockeit von den Nationalsozialisten in der städtischen Verwaltung zum Nichtstun verdonnert worden. Als niedergelassener Architekt beteiligt er sich 1938 wieder an öffentlichen Wettbewerben. Ab 1941 plant er unter dem Generalbauinspektor Albert Speer einen Luftschutzbunker in der Albrechtsstraße/Ecke Reinhardstraße unweit vom S-Bahnhof Friedrichsstraße - bis heute ein markantes Gebäude und Sitz der Kunstsammlung Boros.

"Einen besonderen Denkmalwert"

Im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört, wird die Teupe 1951 wiederaufgebaut und dient danach unter anderem der Unterbringung von Obdachlosen, Kriegsflüchtlingen und Spätaussiedlern. Ende der 1990er Jahre steht der Komplex halb leer und versinkt "teilweise verfallend in einen Dornröschenschlaf", wie es auf der Homepage der Kubus gGmbH heißt. Der Eigentümer hat sich nach eigenen Angaben der "Umgestaltung und Revitalisierung des Hauses" verschrieben.

Für die Denkmalschutzbehörde im Bezirksamt Neukölln hat das ehemalige Obdachlosenasyl heute "aus sozialgeschichtlichen, architektonischen und künstlerischen Gründen" auch nach der wechselvollen Geschichte wegen "einen besonderen Denkmalwert". In diesem Sinne hat der Eigentümer seit 2010 die Teupe umgebaut, wie Gernot Zessin von Kubus betont. Besichtigungen des architektonischen Kleinods an der Grenze zu Alt-Treptow sind nur nach Rücksprache und Anmeldung möglich.