Protestanten pilgern in den Pott

epd-bild / Stefan Arend Beten, singen, debattieren: Fünf Tage lang ist der evangelische Kirchentag in Dortmund zu Gast. Dessen Präsident Leyendecker sagte angesichts von Hass, Hetze und Gewalt: "Wir Demokraten müssen um die Rückeroberung des öffentlichen Raums kämpfen."

19.06.2019

Der 37. Deutsche Evangelische Kirchentag hat am Mittwoch in Dortmund begonnen. Zehntausende kamen im Tagesverlauf in der Ruhrgebietsstadt an, um am Abend die Eröffnung des fünftägigen Protestantentreffens zu feiern. Rund 118.000 Teilnehmer erwarten die Veranstalter bis Sonntag zu den fast 2.400 Veranstaltungen.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier forderte vor Beginn des Christentreffens mehr Gestaltungswillen im Umgang mit digitalen Technologien. "Wir können die Gestaltung der Zukunft in die eigenen Hände nehmen, allerdings nicht jeder für sich, sondern nur miteinander und solidarisch", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Kein Raum für Hass und Hetze

Vor Eröffnung des Protestantentreffens wurde erneut über den Umgang mit der AfD diskutiert. Kirchentagspräsident Hans Leyendecker bekräftigte die Entscheidung, AfD-Politikern auf dem Kirchentag kein Podium zu bieten. "Ich freue mich, dass wir früh ein Zeichen gesetzt haben", sagte der Journalist. Es müsse deutlich werden, dass rechts im Sinne von konservativ und rechtsextremistisch in der Regel nichts miteinander zu tun hätten. Deshalb debattiere bei einem "Konservativen-Panel" beispielsweise der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU).

Leyendecker betonte bei einer Gedenkveranstaltung für NS-Opfer, die Zivilgesellschaft dürfe Hassern und Hetzern nicht den Raum überlassen: "Wir Demokraten müssen um die Rückeroberung des öffentlichen Raums kämpfen." Zugleich erinnerte er an den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Wer wegschaue, mache sich schuldig, sagte der Kirchentagspräsident: "Patrioten, Demokraten, werdet wach, wir müssen den rechten Terror gemeinsam bekämpfen."

Ereignis großer Strahlkraft

Der Kirchentag sollte am Abend mit drei Gottesdiensten unter freiem Himmel eröffnet werden. Für den Anschluss war der traditionelle "Abend der Begegnung" geplant. Angesichts des schwülwarmen Wetters mit Gewittergefahr waren die Veranstalter in engem Kontakt mit Meteorologen und Behörden, um bei einem möglichen Unwetter die Sicherheit der erwarteten 200.000 Besucher des Straßenfestes zu gewährleisten.

Das Laientreffen steht unter dem biblischen Leitspruch "Was für ein Vertrauen". Bundespräsident Steinmeier will am Donnerstag eine Rede zur digitalen Moderne halten. Für die Grundsatzrede hat sich der Bundespräsident bewusst den Kirchentag ausgesucht, um ein breites Publikum zu erreichen, wie aus dem Präsidialamt verlautete. Steinmeier lobte das Protestantentreffen als Beispiel dafür, wie Bürger dem Freiheitsanspruch Gehör verschaffen und etwas bewegen könnten. "Es ist ein Ereignis mit großer Strahlkraft in alle Bereiche unserer Gesellschaft und unseres Lebens hinein."

Neben Steinmeier werden zahlreiche weitere Prominente erwartet, unter ihnen Bundespolitiker wie Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) sowie der kongolesische Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege.

Einsatz für den Klimaschutz

Rund 100 Teilnehmer einer Spenden-Tour von "Brot für die Welt" kamen am Mittwoch mit dem Fahrrad in Dortmund an. Gemeinsam mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, und dem Dortmunder Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) bewältigten die Radler die letzte Etappe der Tour, zu der die evangelische Hilfsorganisation aufgerufen hatte. "Es ist eine symbolische Aktion, bei der es darum geht, wie jeder persönlich mit der Gestaltung seines Lebensstils etwas für den Klimaschutz tun kann", sagte Bedford-Strohm.

Der Kirchentag ist alle zwei Jahre in einer anderen Stadt zu Gast. Für 2021 ist zum dritten Mal ein Ökumenischer Kirchentag geplant, in Frankfurt am Main.