Gen-Forscher fordern Moratorium für Eingriffe ins menschliche Erbgut

epd-bild/Peter Roggenthin Nach dem Appell von Wissenschaftlern für ein Moratorium für Erbguteingriffe beim Menschen fordert der deutsche Ethik-Experte Dabrock eine internationale Konferenz nach dem Vorbild der UN-Klimakonferenzen.

14.03.2019

Nach dem Appell von Genom-Wissenschaftlern für ein Moratorium für Erbguteingriffe beim Menschen haben deutsche Ethik-Experten eine umfassende Debatte gefordert. Der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, sprach sich für eine internationale Konferenz aus. Sie könne nach dem Vorbild der UN-Klimakonferenz ein Thema, das die ganze Menschheit betrifft, auf die globale Agenda setzen, sagte Dabrock dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die frühere Ethikrats-Vorsitzende Christiane Woopen sagte, es gehe um grundlegende Fragen, "die unser Menschenbild und das Verhältnis der Generationen untereinander betreffen".

In ihrer am Mittwoch erschienenen Stellungnahme in der Zeitschrift "Nature" fordern Pioniere der sogenannten Genom-Chirurgie, mit der sich DNA von Tieren, Pflanzen und Menschen verändern lässt, Eingriffe in die menschliche Keimbahn bis auf weiteres auszuschließen. Unter den Autoren sind die Entdeckerin der sogenannten Gen-Schere Crispr/Cas9, Emmanuelle Charpentier, und der US-amerikanische Neurowissenschaftler Feng Zhang.

Erbregeln können außer Kraft gesetzt werden

Sie fordern ein befristetes Moratorium, das auch für eine Debatte über die wissenschaftlichen und ethischen Herausforderungen genutzt werden soll. Ihr Vorschlag ist ein internationales Rahmenwerk, innerhalb dessen einzelne Staaten auf freiwilliger Basis den Verzicht auf die Anwendung beim Menschen erklären sollen. Die Techniken seien nicht sicher genug, um die Anwendung am Menschen zu rechtfertigen, heißt es in dem Fachartikel zur Begründung.

Den deutschen Ethikern geht das nicht weit genug. Das sei halbherzig und inkonsequent, sagte Dabrock. "Man muss sich klar machen: Wir haben damit die Mittel, die Mendelschen Erbregeln außer Kraft zu setzen oder durch gezielte Erbgutveränderungen ganze Spezies auszurotten, wie etwa Mücken, die Malaria übertragen", sagte Dabrock und ergänzte: "Das ist keine Sache, die man auf nationaler Ebene debattieren kann."

Nicht abschätzbare Folgen

Woopen sagte, wegen der grundlegenden Bedeutung der Konsequenzen reiche es nicht aus, Wirksamkeit und Sicherheit des Verfahrens nachzuweisen, "um es als ethisch vertretbar auszuweisen". Zudem forderte sie, dass eine Vereinbarung für ein Moratorium auch Konsequenzen für den Fall vorsehen müsse, dass einzelne Wissenschaftler sich über eine solche Vereinbarung hinwegsetzen.

Die Gen-Schere Crispr/Cas9 erlaubt präzise Eingriffe im Erbgut. Was sie löscht, hinzufügt oder verändert, wird an die nächste Generation weitervererbt. Die Entdeckung dieser Technologie galt in der Wissenschaft daher als Revolution. Wegen der nicht abschätzbaren Folgen haben Wissenschaftler aber wiederholt vor Eingriffen in die menschliche Keimbahn gewarnt. Entsprechend groß war im vergangenen Herbst die Empörung angesichts der Nachricht aus China, wo ein Forscher verkündet hatte, mit Hilfe der Gen-Schere veränderten Zwillingen auf die Welt geholfen zu haben.

Zivilgesellschaft in den Diskurs einbinden

Woopen und Dabrock forderten eine Diskussion über das Thema, in die auch die Zivilgesellschaft eingebunden werden müsse. "Ich habe manchmal das Gefühl, die Wissenschaft fürchtet sich davor, dass dann in ihren Augen irrationale Gedanken mit in den Diskurs kommen", sagte Dabrock. "Aber dem muss sich Wissenschaft aussetzen", betonte der Theologe.

Der Jurist Jochen Taupitz, der ebenfalls Mitglied im Ethikrat ist, äußerte Zweifel an der Umsetzbarkeit des vorgeschlagenen Moratoriums. "In Staaten, in denen es kein rechtlich verbindliches, etwa gesetzliches Verbot der Keimbahnintervention gibt, kann eine Regierung jedenfalls nach unserem Rechtsverständnis nicht einfach ein - wenn auch zeitlich begrenztes - Verbot aussprechen", sagte er. In Deutschland sind durch das strenge Embryonenschutzgesetz solche Eingriffe verboten.