Ein undemokratischer Ort

epd-bild/Jutta Olschewski Wo die Nationalsozialisten ihre großen Propaganda-Schauen in Nürnberg abhielten, bröckelt heute die Bausubstanz. Die steinernen Reste sollen erhalten bleiben, ohne einen Mythos zu schaffen.

14.03.2019

Das schwierige Erbe als "Stadt der Reichsparteitage" gehört zu Nürnberg mindestens genauso wie Albrecht Dürer und die Rostbratwurst. Der Ort, an dem zwischen 1933 und 1938 die Reichsparteitage der Nationalsozialisten stattfanden, ist aber auch einer mit Geschichte vor und nach den Nazis.

Rund 85 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahrzehnten in das Gelände investiert werden, das als größte bauliche Hinterlassenschaft der Nazis gilt. Die Instandhaltung ist eine Generationenaufgabe. Das rund 16,5 Quadratkilometer große Areal, das nur bruchstückhaft fertiggestellt wurde, lässt nur ansatzweise erahnen, wie weit der Größenwahn der Nazis ging.

Arbeit werde sehr kritisch beobachtet

Die kommenden Instandsetzungsmaßnahmen umfassen das Zeppelinfeld, bestehend aus Tribüne, Wallanlage, Türmen und Freiflächen. "Alleine die Größe der Anlage ist eine Herausforderung, aber natürlich vor allem die Baugeschichte", erklärt Robert Minge, beim Hochbauamt der Stadt Nürnberg zuständig für das Areal. "Alle Beteiligten, vom Architekten bis zum Steinmetz, müssen wissen, woran sie hier arbeiten."

Transparenz sei wichtig, da die Arbeit der Bauverwaltung sehr kritisch beobachtet werde. "An Musterflächen der Tribüne und der Türme kann man gut erklären, welchen Gesamteindruck wir uns nach Abschluss der Arbeiten erhoffen", sagt Minge. "Es soll so viel Originalmaterial wie möglich erhalten werden, Neuteile oder Mörtelergänzungen soll es nur soweit unbedingt nötig geben. Die Spuren der Verwitterung, Schädigungen und Reste alter Graffitis sollen sichtbar bleiben."

"Eine zutiefst undemokratische Anlage"

Die Tribüne gegenüber des Zeppelinfeldes ist ein beliebtes Ausflugsziel - nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische. Bis zu 1.000 Menschen kommen jeden Tag hierher, und zwar aus aller Welt. Albert Speer hatte die Anlage so konstruiert, dass selbst bei Tausenden Teilnehmern und Besuchern stets die Hierarchie der damaligen Gesellschaft ablesbar war: die Teilnehmer auf dem Feld, die "einfachen" Besucher auf dem Rasen der Wallanlage. "Insofern ist es eine zutiefst undemokratische Anlage", erklärt Minge. "Gerade weil man hier vieles über die damalige Gesellschaft und die Mechanismen des Nationalsozialismus erklären kann, sollte sie erhalten bleiben."

Mit dieser Einschätzung ist der Architekt des Hochbauamts nicht allein. Julia Lehner, Kulturreferentin der Stadt Nürnberg, sagt: "Die Menschen fragen nicht nur danach, was hier während der Nazi-Zeit gewesen ist, sondern gerade aus dem Ausland auch, wie wir in Nürnberg damit umgehen." Und da gab es in den Jahren nach 1945 vielfältige Möglichkeiten. Es entstanden unter anderem das Naherholungsgebiet "Volkspark Dutzendteich", ein riesiger Parkplatz für das angrenzende Messegelände, Lagerfläche für die US-Armee und später auch Buden für den Christkindlesmarkt.

Gelände erhalten, aber nicht mystifizieren

Bob Dylan und AC/DC spielten auf dem Zeppelinfeld, es entwickelten sich das Nürnberger Volksfest sowie der als "Norisring" bekannte Stadtkurs für ein Rennen der Deutschen Tourenwagenmeisterschaften. Auch die Bewerbung Nürnbergs um den Titel "Kulturhauptstadt Europas" enthalte Elemente der künftigen geschichtlichen Aufarbeitung des Geländes, erklärt die Kulturreferentin.

Leider ist die Tribüne vereinzelt auch Ziel neonazistischer Gruppen, wie zuletzt vor wenigen Wochen. Und gerade Besucher aus dem Ausland machen sich einen zweifelhaften Spaß daraus, auf der Führertribüne, von der aus Adolf Hitler in den 1930er-Jahren seine Paraden abgenommen hat, die Hand zum Hitlergruß zu recken. Florian Dierl, Leiter des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände, betont: "Im Wesentlichen haben wir aber keine Probleme mit solchen Entgleisungen."

Dafür hat der Zahn der Zeit an den steinernen Stufen der denkmalgeschützten Tribüne genagt. Hie und da platzt der Stein ab, immer wieder sind ganze Ecken abgebrochen. Lehner erklärt: "Wir haben uns bereits im Jahr 2004 darauf geeinigt, dass die bauliche Sicherung des Geländes sichergestellt wird." Man wolle das Gelände erhalten, aber nicht aufhübschen oder gar mystifizieren.