Nach Erwerbsminderung droht Altersarmut

epd-bild/Heike Lyding Wer wegen einer schweren Erkrankung oder einer Behinderung vorzeitig aus seinem Beruf aussteigen muss, ist schon hart getroffen. Zum persönlichen Schicksalsschlag kommt oft noch Armut hinzu. Experten fordern eine bessere soziale Absicherung.

21.06.2019

Dem krankheitsbedingten frühen Ausstieg aus dem Berufsleben folgt in der Regel der Verlust des erarbeiteten Lebensstandards. Die sogenannten Erwerbsminderungs-Rentner sind häufig auf Sozialhilfe angewiesen. Die Zahl der Bedürftigen steigt nach Angaben der Bundesregierung seit 20 Jahren regelmäßig.

Volle Erwerbsminderungsrente erhalten in der Regel Menschen, die aufgrund einer Krankheit nicht mehr mindestens drei Stunden täglich arbeiten können. Eine Teilrente wegen Erwerbsminderung erhalten diejenigen Personen, die nur noch weniger als sechs Stunden am Tag arbeiten können. Voraussetzung ist, dass sie mindestens fünf Jahre Rentenbeiträge gezahlt haben.

Auf Sozialhilfe angewiesen

Insgesamt beziehen in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen Erwerbsminderungsrente. Durchschnittlich liegt sie derzeit bei 797 Euro im Monat. Die Zahl der Menschen, die ergänzend zur Erwerbsminderungsrente auf Sozialhilfe angewiesen sind, hat sich von 102.578 im Jahr 2010 auf 196.466 im Jahr 2017 deutlich erhöht. Der Anteil der Erwerbsminderungs-Rentner, die zusätzlich Grundsicherung bekamen, stieg in dem Zeitraum demnach von 9,5 auf 15,2 Prozent.

Mehr als jeder siebte Erwerbsminderungs-Rentner geht also zum Sozialamt. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele, schätzt die Zahl derer, die Anspruch auf Sozialhilfe haben, sogar noch höher, denn in den offiziellen Statistiken seien diejenigen "nicht berücksichtigt, die aus Scham oder Unkenntnis keine Grundsicherung in Anspruch nehmen".

Hohes Armutsrisiko

Auch Johannes Geyer, der Rentenexperte des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), sieht bei den Erwerbsminderungs-Rentnern ein "sehr hohes Armutsrisiko. Hier gibt es eigentlich noch kein Konzept in der Politik, wie man diesem Problem begegnen kann", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Die Bundesregierung hat zum 1. Januar dieses Jahres eine Verbesserung beschlossen: Das Ausstiegsalter wegen Erwerbsminderung - das derzeit im Schnitt bei 51,7 Jahren liegt - wurde fiktiv auf 65 Jahre und acht Monate erhöht. Es wird also bei der Berechnung der Rente so getan, als hätte die betreffende Person bis zu diesem Alter voll gearbeitet und Lohn erhalten. Bis zum 31. Dezember 2018 lag die sogenannte Zurechnungszeit bei 62 Jahren und drei Monaten.

Bestandsrentner haben nichts von der Reform

Von dieser Verlängerung der Zurechnungszeit profitieren allerdings nur Erwerbsminderungs-Rentner, die nicht schon vor dem 1. Januar 2019 in Rente gegangen sind. Die große Zahl der sogenannten Bestandsrentner hat also nichts von der Reform. "Bestandsrentner müssen in die Verbesserungen einbezogen werden", appelliert VdK-Präsidentin Bentele an die Bundesregierung.

Für Neurentner macht die deutliche Anhebung der Zurechnungszeit um drei Jahre und fünf Kalendermonate finanziell viel aus: Die Rente erhöht sich damit um 12,5 Prozent. Das fiktive durchschnittliche Ruhestandssalär eines Erwerbsminderungs-Rentners steigt somit von rund 800 Euro auf rund 900 Euro.

Der VdK kritisiert, dass zu wenig getan werde, um ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf zu verhindern. Er verlangt deshalb "verstärkte Anstrengungen in der Prävention, dem Arbeitsschutz und der Rehabilitation". Betriebe müssten altersgerechte Arbeitsbedingungen schaffen und damit die Beschäftigungsperspektiven Älterer verbessern.

Österreich als Vorbild

DIW-Forscher Geyer kritisiert, dass die Politik die Erwerbsminderungs-Rentner lange vernachlässigt habe. "Wir wissen viel zu wenig, wie gut diese Leute ihren Alltag bewältigen. Wichtig wäre es auch, den Zugang zur Erwerbsminderungsrente regelmäßig und unabhängig zu evaluieren. Wir wissen auch wenig über Menschen, die zwar krank sind, für die aber die Hürde für eine Erwerbsminderungsrente zu hoch liegt."

Als vorbildlich bezeichnet der VdK die Regelungen in Österreich. Der Rentenexperte des VdK, Samuel Beuttler-Bohn, sagte dem epd: "Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht bis ins Alter berufstätig sein kann, ist in Österreich besser gestellt als in Deutschland. Denn die monatliche Erwerbsminderungsrente ist in dem Nachbarland um etwa 60 Prozent höher als in Deutschland."