Poet des Dokumentarfilms

epd-bild/Christian Ditsch Volker Koepp lässt Menschen erzählen und Bilder wirken: Flüsse, Dörfer, kleine Städte - Vergangenheit und Gegenwart in seiner Traumlandschaft im Osten Europas. Sein bitterster Film handelt von der DDR, er konnte ihn erst 1994 drehen.

21.06.2019

Mit seinem Film "Kalte Heimat" wurde der Regisseur Volker Koepp beim Berlinale-Forum 1995 endgültig als Poet des Dokumentarfilms entdeckt. Von da an folgten große Koepp-Filme aufeinander, darunter "Herr Zwilling und Frau Zuckermann", "Dieses Jahr in Czernowitz" und "Holunderblüte".

Alle diese Filme spielen zwischen Weichsel und Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer - Koepps Traumlandschaft, die schon in der Antike Sarmatien genannt wurde. Koepp hat sie schon früh durch Johannes Bobrowskis Gedichtband "Sarmatische Zeit" für sich entdeckt. Aber diese Region war und ist keine Utopie vom Zusammenleben der Völker, sie war und ist immer wieder durch Kriege, Vertreibungen und Umsiedlungen gefährdet. Sarmatien reicht bis zur Ukraine.

Koepp porträtierte vor allem selbstbewusste Frauen

Volker Koepp wurde am 22. Juni 1944 in Stettin geboren und ist in der DDR aufgewachsen. Er hat in Dresden Maschinenschlosser gelernt, schließlich in Potsdam-Babelsberg Film studiert und wurde Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme. Schon in den 70er Jahren zeigte sich Koepps Eigenart und Qualität als Dokumentarist. Mit den kurzen Filmen "Grüße aus Sarmatien", "Gustav J." und "Das weite Feld" hat man im Kern schon den ganzen Volker Koepp: die Faszination für die Landschaft, für Flüsse, Dörfer, kleine Städte, für ihre Gegenwart und ihre Geschichte.

In mehreren Filmen setzte er sich mit dem Leben in der DDR auseinander, porträtierte vor allem selbstbewusste Frauen. Vor Koepps Kamera geben sie sich offen, merken, dass er als Freund kommt, nicht als Abgesandter der Partei. Sein Hauptwerk in der DDR ist der "Wittstock-Zyklus" (1974-1996), vier kurze und drei lange Filme in 22 Jahren, die beiden letzten nach 1989. Er begleitet drei Frauen in einem DDR-Vorzeige-Betrieb. Sie lassen sich nichts gefallen, können aufsässig sein, traurig und melancholisch. Mit der Wende verlieren sie ihren Arbeitsplatz.

Wiederentdeckung einer vergessenen Region

Seinen bittersten Film über die DDR konnte Koepp erst 1994 drehen. "Die Wismut" handelt vom Uranabbau im Erzgebirge, von der Zerstörung der Landschaft, der Erkrankung vieler Arbeiter und ihrer Familien, ausgelöst durch Strahlung und Staubentwicklung - das Dokument einer Umweltkatastrophe. Auf Veranlassung der sowjetischen Besatzungsmacht hatte der Uranabbau 1946 begonnen, schon vor der Gründung der DDR, erst 1990 wurden die Arbeiten eingestellt.

Mit "Kalte Heimat" und den folgenden Filmen wurde Koepp ab 1995 auch international bekannt. "Kalte Heimat" spielt im nördlichen Ostpreußen, das nach 1945 zur sowjetischen Enklave wurde, kein Ausländer durfte das Gebiet betreten. Koepps bewegender Film wurde nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zur Wiederentdeckung einer vergessenen Region.

Zwölf Jahre später drehte er dort den Film "Holunderblüte". Das Leben in dieser westlichsten Gegend Russlands ist noch immer von großer Armut geprägt. Die Erwachsenen sind unterwegs auf der Suche nach Arbeit, die Kinder bleiben allein zurück, sie gehen zur Schule, die älteren kümmern sich um die jüngeren, bilden eine Gemeinschaft, fast eine Kinderrepublik. Koepp ist ein wunderbarer Partner für sie. Ein schöner, sogar heiterer, aber auch trauriger Film.

Bleibende Zeugnisse der jüdischen Kultur

Koepps Czernowitz-Filme "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" (1999) und "Dieses Jahr in Czernowitz" (2004) gehören zu den bleibenden Zeugnissen der jüdischen Kultur, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Czernowitz, das heutige westukrainische Tscherniwizi, war einst eine pulsierende multikulturelle Stadt.

Herr Zwilling und Frau Zuckermann in Koepps Film haben den Krieg überlebt. Sie treffen sich täglich, unterhalten sich über ihr Leben damals und heute. Es sind Zeitzeugen, die man als Filmzuschauer nicht vergessen wird. In "Dieses Jahr in Czernowitz" kommen Menschen mit Wurzeln in der Stadt zu Besuch, auch Schauspieler Harvey Keitel ist dabei, dessen Mutter aus der Nähe kommt. Die Besucher erinnern an damals - und erleben das wieder sehr lebendige Heute.