«Kunst soll das Schöne in die Welt zurückbringen»

epd-bild/Judith Michaelis Geboren wurde er in Liverpool, seine Wahlheimat ist Wuppertal: Am 9. April wird Tony Cragg 70. Der renommierte Künstler ist berühmt für seine raumgreifenden Skulpturen. Aber jetzt hat er mit einem zarten und zerbrechlichen Projekt begonnen.

09.04.2019

"Kunst soll das Schöne in die Welt zurückbringen", erklärte der Bildhauer Tony Cragg kurz vor seinem 70. Geburtstag am 9. April. Der gebürtige Brite, der seit rund 40 Jahren in Wuppertal lebt und arbeitet, gilt als einer der einflussreichsten Künstler weltweit. Bis 2013 war er Rektor der Kunstakademie Düsseldorf. 1988 wurde er mit dem bedeutenden britischen Turner-Preis ausgezeichnet.

Kurz vor seinem Geburtstag hat Cragg mit einer für ihn bislang eher untypischen Arbeit begonnen: Der vor allem für seine großen Skulpturen bekannte Bildhauer gestaltet Fenster für zwei Kirchen in Sachsen-Anhalt, in Großbadegast bei Köthen und in Garitz bei Zerbst.

Fenster in Blau und Gelb

Er wolle damit zeigen, dass er "auch zarte und zerbrechliche Kunst schaffen könne", sagte Cragg über sein Projekt in der Dorfkirche in Großbadegast. Nach den Worten von Pfarrerin Anke Zimmermann war Cragg vor allem deswegen bereit, für die Kirche zu arbeiten, weil dort bislang nicht viel saniert wurde und der Originaleindruck unverändert sei. Mitte 2019 sollen die zwei ersten Fenster in Blau und Gelb hinter dem Altar aus dem 15. Jahrhundert eingebaut werden.

Ein Großprojekt Craggs ist sein zwölf Hektar großer und verwilderter Skulpturenpark "Waldfrieden" in Wuppertal, der 2008 eröffnet wurde. Dort sind nicht nur eigene Arbeiten, sondern auch Werke von anderen international renommierten Bildhauern präsentiert. Aktuell läuft dort bis zum 16. Juni eine Ausstellung mit Skulpturen des Schweizers Martin Disler. Getragen wird er von einer Stiftung der Cragg-Familie.

Forschend, neugierig, insistierend

Der Künstler kam 1949 in Liverpool als Sohn eines Piloten und Elektro-Ingenieurs der Luftfahrtindustrie zur Welt und arbeitete zunächst in der biochemischen Forschung, bevor er sich für die Kunst entschied. Ein guter Zeichner war er nach eigenen Angaben bereits als Kind. Zunächst am Cloucestershire College of Art and Design und später am Londoner Royal College of Art interessierte er sich vor allem für die Bildhauerei.

Mit dem Bleistift umkreist er zunächst gedanklich seine zukünftigen Skulpturen und lässt die Silhouetten einander durchdringen. Forschend, neugierig, insistierend, aber auch verspielt ist sein Blick auf Formen und Denkmodelle. Viele Jahre unterrichtete er an der Kunstakademie Düsseldorf, von 2009 bis 2013 war er ihr Rektor. Danach zog es ihn wieder zurück in die eigenen Ateliers in Wuppertal und nach Schweden, um selbst kreativ zu werden.

Enorm schwere Skulpturen

Das Credo seiner künstlerischen Arbeit: "Ankämpfen gegen die Verarmung der Formen in der Welt." Und das scheint ihm mit seinen teils meterhohen und tonnenschweren Skulpturen aus Fiberglas, Bronze oder Edelstahl zu gelingen, etwa mit seinen "Columns" oder "Wirbelsäulen". Seine Werke werden international ausgestellt und zählen in vielen Städten weltweit zum Straßenbild.

"Craggs Werke faszinieren durch das Wechselspiel zwischen sinnlichem Reiz, ihrer makellosen Oberfläche und ihrer rationalen und genau geplanten konzeptuellen Basis", so beschrieb es Kay Heymer vom Kunstpalast Düsseldorf bei der Eröffnung einer Cragg-Ausstellung im vergangenen Jahr. Um seine enorm schweren Skulpturen aufzustellen, müssen meist Sattelschlepper oder Kranwagen eingesetzt werden. Sobald sie an Ort und Stelle stehen, strahlen sie jedoch Leichtigkeit aus.

Experimentierfreude bei den Materialien

Die Formenvielfalt und seine Experimentierfreude bei den Materialien sind enorm. Anfangs verwendete er einfache Alltag-Gegenstände, später Abfall. Heute arbeitet er mit Edelstahl, Holz, Bronze, Stein, Glas und Kunststoffen.

Im vergangenen Jahr wurde Cragg mit dem Landesverdienstorden Nordrhein-Westfalens ausgezeichnet. Zur Begründung hieß es, er habe "die Kulturlandschaft NRW um große Schätze bereichert und das Land um ein gutes Stück bunter, vielfältiger und lebenswerter gemacht."