Wissenschaftler fordern nachhaltige Verkehrswende

epd-bild/ Heike Lyding Die Diskussion um die Luftverschmutzung durch Diesel & Co. wird sehr emotional geführt. Auch die Leopoldina fordert eine Verkehrswende - aber nicht nur. Der Fokus soll auf der Reduzierung von Feinstaub liegen.

09.04.2019

In der Diskussion um Fahrverbote und Luftverschmutzungsgrenzwerte fordert die Nationalakademie Leopoldina mehr Maßnahmen gegen die Feinstaubbelastung. Der Schwerpunkt einer bundesweiten Strategie zur Luftreinhaltung müsse mehr auf Feinstaub als auf Stickstoffoxiden liegen, sagte Leopoldina-Vizepräsident Martin Lohse am Dienstag in Berlin anlässlich der Vorstellung einer wissenschaftlichen Stellungnahme der Nationalakademie. In dem 50-seitigen Papier rufen die 20 beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu einer nachhaltigen Verkehrswende auf. Vor allem der Ausstoß von Treibhausgasen sei problematisch.

Die derzeitige Verengung der Debatte auf Stickstoffdioxid (NO2) sei nicht zielführend, heißt es in der Stellungnahme. Feinstaub sei deutlich schädlicher für die Gesundheit. Daher plädierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dafür, die Anstrengungen zur Luftreinhaltung auf die Feinstaub-Reduktion zu konzentrieren. Von kurzfristigen oder kleinräumigen Maßnahmen, etwa von Fahrverboten für Dieselfahrzeuge, sei keine wesentliche Entlastung zu erwarten, sagte der Toxikologe Martin Lohse. Vielmehr sei eine bundesweite ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung erforderlich.

Abrieb von Reifen, Straßenbelag und Bremsbelägen

Im Straßenverkehr seien Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren nicht die einzige Quelle für Feinstaub, er werde auch durch Abrieb von Reifen, Straßenbelag und Bremsbelägen erzeugt, sagte Lohse. So fielen jährlich 150.000 Tonnen Staub nur durch Reifenabrieb an. Zur Belastung trügen zudem auch Feuerstätten und Holzöfen jeglicher Art, die Landwirtschaft mit ihrem Ammoniak-Ausstoß und die Industrie bei. Einige dieser Bereiche seien bisher nicht gesetzlich geregelt.

In Deutschland komme es bei Stickstoffoxiden zu Überschreitungen des relativ strengen Grenzwerts, der weniger strenge Grenzwert für Feinstaub werde jedoch so gut wie flächendeckend eingehalten, heißt es in der Stellungnahme. Die Werte seien vor langer Zeit von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt worden, sagte der frühere Präsident der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung, Manfred Hennecke. Das Problem daran sei, dass es aus wissenschaftlicher Sicht für beide keine Unbedenklichkeitschwelle gebe. "Es gibt keine exakte Grenzziehung zwischen gefährlich und ungefährlich." Das sei eine politische Entscheidung.

Feinstäube seien deutlich schädlicher

Stickstoffoxide könnten die Symptome von Lungenerkrankungen wie Asthma verschlimmern und trügen zur Bildung von Feinstaub und Ozon bei. Feinstäube seien deutlich schädlicher und könnten unter anderem Atemwegserkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Lungenkrebs verursachen, sagte Hennecke.

Aus epidemiologischen Untersuchungen könne man verschiedene, sich gegenseitig ergänzende Maßzahlen für die gesundheitliche Belastung berechnen, zum Beispiel den Verlust von Lebenszeit durch das Einatmen von Schadstoffen, sagte der Atmosphärenchemiker und Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, Jos Lelieveld. Wichtig sei aber, mehr über die Wirkmechanismen von Feinstaub zu erfahren.

Karliczek: Stellungnahme eine "wertvolle Grundlage"

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) nannte die Stellungnahme eine "wertvolle Grundlage für eine vernünftige Luftreinhaltepolitik der Zukunft". Sie hoffe, dass sich die Diskussion um die Luftreinhaltung in Deutschland nun versachliche. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Mitautor der Stellungnahme, Ottmar Edenhofer, erklärte, die deutsche Auto-Industrie könne profitieren, wenn sie statt zu bremsen entschlossen in saubere Antriebe wie etwa in die Elektromobilität investiere.

Greenpeace forderte, Verbrennungsmotoren aus den Innenstädten zu verbannen. Einzelne Straßen für Diesel zu sperren, mache die Luft nicht besser.