Verteidiger eines weltoffenen Europa der Kulturen

epd-bild / Jochen Günther Triest gilt als Rückzugsort avantgardistischer Intellektueller. Wie kein anderer Ort in Italien steht die Hafenstadt für die Idee eines weltoffenen Europa. Claudio Magris verteidigt dieses Ideal mit den Waffen der Literatur.

10.04.2019

Als Anfang des Jahres das Ideal Triests als Stadt europäischer Weltoffenheit ausgerechnet durch den stellvertretenden Bürgermeister verletzt wurde, ging nicht nur die Bevölkerung auf die Barrikaden, sondern auch der Schriftsteller Claudio Magris. Der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels verglich den Politiker, der sich rühmte, die Decke eines Obdachlosen auf den Müll geworfen zu haben, mit dem Heiligen Martin, "in umgekehrter Form": Teilte jener seinen Mantel mit dem Bettler, nahm dieser dem Armen den letzten Schutz. Magris, Italiens namhaftester Germanist und international angesehener Publizist, ist im hohen Alter so engagiert wie eh und je. Am 10. April wird er 80 Jahre alt.

Seine multikulturell geprägte Heimatstadt Triest hat Magris geprägt: die berühmten Kaffeehäuser der einst zum österreichisch-ungarischen Habsburgerreich gehörigen Stadt ebenso wie der große Hauptplatz mit seiner nicht nur sinnbildlichen Öffnung zum Hafen, die Reisfabrik als einziges Vernichtungslager der Nazis in Italien und der Stacheldraht an der nahe gelegenen Grenze zum früheren Ostblock. In seinen Werken - Mischungen aus Essay und Erzählung - hat der Autor die Stadt an der Adria zum Sinnbild einer gesamteuropäischen Identität erhoben.

Zusammenleben der Kulturen

Für seine Beiträge über das Zusammenleben der Kulturen in Europa erhielt Magris vor zehn Jahren den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Darüber, dass er als Kandidat für den Literaturnobelpreis galt, kann der Miterfinder des literarischen Genres von Biografien über Orte nur schmunzeln: "Friedensnobelpreis für meinen guten Charakter", lacht der Essayist, bei dem Literatur, Geschichte und Politik zwangsläufig zusammengehören.

Bis zu seiner Emeritierung von 2006 lehrte Magris in Triest Germanistik. Zwischenzeitlich - von 1994 bis 1996 - gehörte er für eine "Bewegung, deren einziges Mitglied ich war", wie er ironisch sagt, dem italienischen Senat an.

Magris verfasste Essays über Werke von Franz Werfel, Hugo von Hofmannsthal, E.T.A. Hoffmann, Arthur Schnitzler und Tankred Dorst. Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählt "Weit von wo. Verlorene Welt des Ostjudentums" über den österreichischen Schriftsteller Joseph Roth. Mit seinem 1986 unter dem Titel "Donau. Biographie eines Flusses" erschienenen Tagebuch einer Reise in Zeit und Raum errang der spätere Träger des Bundesverdienstkreuzes breite internationale Anerkennung.

Krise der modernen Kultur

Der Germanist analysiert die mitteleuropäische Literatur des 20. Jahrhunderts als Metapher der Krise der modernen Kultur. Einem breiten Publikum ist er durch die Schilderung der literarischen Hauptstädte Mitteleuropas und ihrer Bewohner vertraut.

In Italien kommentiert der Publizist Magris das politische Geschehen für die Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera". Er vertritt eine zunehmend pessimistische Sicht auf die Zukunft mit chaotischen Kriegsszenarien und gibt doch die Hoffnung auf ein geeinigtes Europa nicht auf. "Ich träume einen Moment, in dem ein europäischer Staat existieren kann", sagt er ganz ohne Ironie. Die dafür erforderliche Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips rücke jedoch derzeit in weite Ferne.

In der Tradition berühmter Kaffehausliteraten

Der Linksintellektuelle, der sich nie einer Mehrheitsmeinung anpasst, bemüht sich, aktuelle politische Entwicklungen in Europa, etwa in Ungarn, vor dem Hintergrund des geschichtlichen Erbes zu verstehen. Die ehemaligen Ostblockländer seien über einen langen Zeitraum wie "eingefroren" gewesen. Heute seien sie zu sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt, um sich mit dem Schicksal von Flüchtlingen auseinanderzusetzen, kommentiert er die ablehnende Haltung der Visegrad-Staaten zu einer Umverteilung von Asylsuchenden in Europa.

In Triest sieht sich Magris in der Tradition berühmter Kaffehausliteraten - in den Cafés der Stadt schrieb einst Italo Svevo, James Joyce lebte hier und Rainer Maria Rilke verfasste oberhalb der Triester Bucht seine "Duineser Elegien". Dass er einer der letzten in dieser Reihe ist, ficht Magris nicht an. Er bleibt offen für Neues.