Sprechstunde für Rose und Benjamini

epd-bild/Heike Lyding Ihre Patienten sind Hibiskus, Kirsche oder Buchsbaum: Tina Balke ist Pflanzenärztin. Auf der Bundesgartenschau hält sie in diesem Sommer regelmäßig Sprechstunde.

25.06.2019

Es herrscht dichtes Gedränge im kleinen Container von i-Punkt GRÜN auf der Bundesgartenschau (Buga) in Heilbronn. Ein älteres Ehepaar aus Wertheim hat einen kleinen Zweig ihres Kirschbaumes mitgebracht, eine junge Familie die vergilbten Blätter einer Hibiskuspflanze, eine Frau zeigt das Foto ihrer Yuccapalme, die nach dem Umzug plötzlich braune Spitzen bekam. Sie alle suchen Rat bei Pflanzenärztin und Agraringenieurin Tina Balke, die in diesem Sommer regelmäßig Sprechstunden auf der Buga anbietet.

Der 65-jährige Martin Kaiser aus Heilbronn legt Blätter und Triebe seiner Benjaminipflanze auf die Arzttheke im Container. Die Blätter kräuseln sich, die neuen Triebe sind bräunlich verfärbt. Tina Balke nimmt ihre Lupe, beginnt mit der Untersuchung. "Sie müssen ihren Benjamini mal um ein Drittel stutzen und Dünger an die Wurzeln ranbringen", rät sie kurze Zeit später. Und sie empfiehlt sie dem Rentner, seine geliebte Pflanze umzutopfen.

Tipps für Blumenliebhaber

Hat meine Pflanze zu wenig Wasser? Steht sie in der falschen Erde? Woher kommen die Läuse in den Rosen? Muss ich einen besonderen Dünger nehmen? Tina Balke gibt Hobbygärtnern und Blumenliebhabern Tipps, wenn ihre Pflanzen leiden.

"Manchmal ist zum Beispiel ein Pilz die Ursache für braune Blätter, weil über viele Jahre hinweg entweder falsch oder gar nicht gedüngt wurde", erklärt die 46-Jährige aus dem oberschwäbischen Bad Waldsee. Bei Pflanzenkrankheiten könne man viel machen, auch ohne Chemie einzusetzen, betont sie. In Bonn hat sie Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Pflanzenwissenschaften studiert, in Göttingen ihren Magister und ihre Promotion in Phytomedizin (Pflanzenmedizin) absolviert. Diese Wissenschaft erforscht die Ursachen, Entwicklungen, und Erscheinungsbilder von Pflanzenkrankheiten und -schädlingen.

Eine von wenigen in Deutschland

"Mein Beruf hat sich aus dem Studium heraus entwickelt", erzählt Balke, die ihre Expertise gerne im Bereich Umweltschutz anwenden wollte. Weil es für Landwirte und Berufsgärtner bereits professionelle Beratungsangebote gibt, für Hobbygärtner und einfache Blumenliebhaber aber nicht, sah sie eine Marktlücke: Vor zwei Jahren hat sie sich selbstständig gemacht und berät seitdem als freiberufliche Pflanzenärztin.

Sie ist eine von wenigen in Deutschland. Ihr norddeutscher "Kollege" René Wadas aus Börßum bei Braunschweig, der auf naturnahes Gärtnern schwört, hat mit seinem Buch "Der Pflanzenarzt" einen Erfolg gelandet. Offenbar besteht Bedarf an fachkundigen Tipps für die Wehwehchen der grünen Mitbewohner in Haus und Garten.

Sonnencreme für Bäume

Deutlich spürt Tina Balke in ihren Sprechstunden die Auswirkungen des Klimawandels: "Viele neu eingeschleppte Schädlinge wie Buchsbaumzünsler und Kirschessigfliege fühlen sich inzwischen nicht nur heimisch bei uns", sagt Balke. Diese Schädlinge vermehrten sich durch die milden Winter mittlerweile massenhaft und könnten so mehrere Generationen pro Jahr produzieren.

Momentan seien in der Natur auch die Folgen des trockenen Sommers im vergangenen Jahr zu bemerken: "Viele Pflanzen haben eine Art Sonnenbrand bekommen." Bei manchen Bäumen sei deshalb die Rinde geplatzt, weshalb sie dringend einen Weißanstrich benötigten - quasi als Sonnencreme, erklärt Balke.

"Therapieempfehlungen ohne Verkaufsabsichten"

"Mein Vorteil für die Kunden ist, dass ich neutrale Diagnosen mit Therapieempfehlungen ohne Verkaufsabsichten anbieten kann", sagt die Pflanzenärztin. Das wissen auch die Ratsuchenden auf der Bundesgartenschau zu schätzen. "Wenn ich in die Gartenbaucenter mit meinem Problem gehe, dann wollen die mir doch nur ihre Angebote verkaufen", sagt Rentner Hermann Kaiser in der Pflanzen-Sprechstunde.

Die 72-jährige Ilse Müller ist aus dem badischen Gengenbach nach Heilbronn gekommen. Ihr Kirschbaum sei voller Läuse, die Blätter aber in Ordnung, berichtet sie. Vielleicht sei der Boden unter dem Baum zu lehmhaltig? "Möglicherweise ist das die Ursache. Vielleicht hat sich da irgendwann Staunässe im Boden gebildet", vermutet Balke. Weil sie aber keine eindeutige Diagnose allein aufgrund von Beschreibungen stellen kann ermuntert sie die Frau, ihr weitere Krankheitsbefunde als Bilder zu schicken. "Ich melde mich dann per E-Mail bei Ihnen", verspricht Balke.

Nachfrage nach Beratung ist groß

Sie berät online, am Telefon oder vor Ort. "Bei Bedarf komme ich auch zu den Leuten in den Garten", sagt sie. Zwar recherchierten viele Hobbygärtner auch selbst im Internet, doch verunsichere Doktor Google die Leute meistens mehr, weil es einfach zu viele Informationen gebe, sagt Balke. In der Buga-Sprechstunde kann das Werner Hegener aus Böblingen bestätigen, der Rat für seine braune Thuja-Pflanze sucht: "Letztlich weiß man doch nicht, was eigentlich genau bei meiner Pflanze zutrifft."

Die Nachfrage nach Beratung ist so groß, dass die Pflanzenärztin selbst ein wenig überrascht ist: Am Wochenende kämen am Tag bis zu 100 Besucher in die Buga-Sprechstunde: "Das Interesse ist schon enorm, damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet."